Nur eine kurze Zeitspanne hatten Kilian Helmbrecht und unsere Reporterin Zeit, sich zu unterhalten. Das Gespräch mit dem aktuellen Vogelwart von Scharhörn bleibt jedoch prägend im Gedächtnis. Als Moment der völligen inneren Ruhe, bevor die Motoren der Fähre wieder zu rattern beginnen. Foto: Anders
Nur eine kurze Zeitspanne hatten Kilian Helmbrecht und unsere Reporterin Zeit, sich zu unterhalten. Das Gespräch mit dem aktuellen Vogelwart von Scharhörn bleibt jedoch prägend im Gedächtnis. Als Moment der völligen inneren Ruhe, bevor die Motoren der Fähre wieder zu rattern beginnen. Foto: Anders
Dienst auf einer Wanderdüne

Wie ein Regisseur als Vogelwart auf Scharhörn eine Sumpfohreule traf

01.10.2021

KREIS CUXHAVEN. Kilian ist Regisseur aus Berlin und Vogelwart auf Scharhörn. Unserer Reporterin erzählt er von seinen Erlebnissen auf der Vogelschutzinsel. 

Die Maschine der Fähre rattert, das Wasser schwappt umher. Immer stärker, immer gedrängter auf kleinem Raum. Dann legt das Schiff am Steg an. Auf der dazugehörigen Insel Neuwerk, oben auf dem Deich, grün, frisch und kurz geschoren, sitzt Kilian Helmbrecht. Er ist Vogelwart auf der Nachbar-Insel Scharhörn. Und Regisseur.

Umringt von Vögeln der Nordsee

Seinen beruflichen Hintergrund erkennt man schon nach den ersten paar Sätzen, die er spricht. Stark gestikulierend beschreibt der 28-Jährige seine Gedanken und seine aktuelle Welt. Viele kämen hierher, um allein zu sein und sich vollständig der rauen und zugleich belebenden Nordseenatur hinzugeben.

Für Kilian gilt dies nicht ganz. "Ich bin nicht dort hingegangen, um alleine auf einer Insel zu sein. Wenn ich alleine oder einsam sein will, dann gehe ich 14 Tage in Quarantäne, habe meine Ruhe, stecke in einem Zimmer fest und weiß, dass mich niemand stört." Seinen Ausflug nach Scharhörn sieht er in einer anderen Perspektive. "Natürlich komme ich nach Scharhörn wegen Scharhörn. Wegen all dem, was da ist und all denen, die da sind." Mit "denen" meint er Vögel, Wattlebewesen, Unmengen an "Personen".

Hotspot Vogelbeobachtung

Scharhörn an sich nehmen Austernfischer, Brandgänse, Lachmöwen, Silbermöwen und viele weitere Arten unter den rund 100.000 gefiederten Lebewesen regelmäßig für sich ein. Seit 1939 steht der rund 20 Hektar umfassende Hotspot der Vogelbeobachtung unter Naturschutz. Ebenso wie die künstlich geschaffene Insel Nigehörn gleich nebenan. Die darf wegen des Naturschutzes nur der Vogelwart und ein Beauftragter der Nationalpark-Verwaltung betreten. Betreut werden beide Bereiche durch den Verein Jordsand, der sich für die Unversehrtheit der Gebiete einsetzt. So obliegt auch die Auswahl eines geeigneten Vogelwarts dem Verein.

Kilian Helmbrecht hat die Nachfolge von Christopher Esser angetreten. Gesucht wird stets eine Person, die sich für Ornithologie begeistert, Vögel und angeschwemmten Müll kartiert und die Daten zur statistischen Nachverfolgung von Vogelwelt und Lebensraum an den Verein übermittelt. Bis zum Saisonende im Oktober 2021 ist das Kilian aus Berlin. Seine Stadtwohnung hat er für mehr als drei Monate gegen einen einfachen Container mit Kamin, einem Wassercontainer und tausenden tierischen Nachbarn getauscht. Eine Stadt im Tausch gegen eine Wanderdüne mitten im Hamburger Wattenmeer, knapp 20 Kilometer von Cuxhavens Küste entfernt.

Treffen mit einer Sumpfohreule

"Ich gehe abends raus, es ist Dämmerung. Es gibt zwei Paare von Sumpfohreulen, die sehr selten geworden sind. Eines auf Nigehörn und eines auf Scharhörn." Zwischen 60 und 150 Brutpaare gebe es in Deutschland vielleicht noch. "Das ist die letzte Zahl, die ich gezählt habe", erzählt er parallel zu seiner szenischen Beschreibung eines abendlichen Spaziergangs.

"In der Stadt würde ich schon nichts mehr sehen, aber dort draußen sind so wenig Lichter, dass ich nicht geblendet werde und in dieser Dämmerung noch gucken kann. Ich laufe vorbei an der Stelle, wo ich die Touris empfange. Auf einmal kommt die Sumpfohreule auf mich zu und umkreist mich. Sie möchte bemerkt werden. Sie will, dass ich weiß, dass sie da ist, in der Nähe gebrütet hat und dass dies immer noch ihr Territorium ist. Während ich auf dem dunklen Schlick balanciere, fliegt sie immer wieder hoch und runter, faucht mich zwischendurch an, wenn ich in eine falsche Richtung laufe." Um sie zu beruhigen, summt er ihr ein Kinderlied vor. "Genau deswegen, wegen dieses anderen, bin ich hierher gekommen."

Reportagefilm "Einmannland"

Aufgewachsen ist Kilian im Ruhrgebiet, hat danach an vielen verschiedenen Orten gelebt. Die Verbindung zum Wattenmeer habe sich langsam aufgebaut. Durch Freunde, die auf Scharhörn einen Freiwilligendienst gemacht haben, durch seine Begeisterung für die Umwelt, durch eigene Freiwilligendienste für die Natur. Auf Scharhörn ist er bereits zum zweiten Mal. Beim ersten Ausflug blieb er fünf Wochen und drehte eine Reportage mit dem Titel "Einmannland".

Auf dieses kehrt er nach unserem Gespräch zurück. Bei Niedrigwasser, balancierend über den Schlick. Zurück zu seinen tierischen Nachbarn. Vorher begleitet er mich noch zum Steg. Grinsend verabschiedet er sich. Ich zeige mein Ticket vor, setze meine Maske auf und die Motoren der Fähre beginnen wieder zu rattern. Die Wasserfläche zwischen Steg und Insel wird immer breiter. Langsam kehre ich zurück in meinen Alltag. Mit einem entspannten Gefühl und einer neuen Perspektive auf unsere Umwelt, in der so viel mehr Personen leben, als wir meinen.

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