Die Kaserne soll nicht mehr zur Aufnahme von geflüchteter Menschen reaktiviert werden. Archivfoto: Reese-Winne
Die Kaserne soll nicht mehr zur Aufnahme von geflüchteter Menschen reaktiviert werden. Archivfoto: Reese-Winne
Schier unendliche Liste an Fragen

"Nutzung passt in DNA der Stadt" Cuxhaven: Reaktionen auf Pläne für Kasernen-Gelände

von Maren Reese-Winne | 19.09.2024

Die Liste an offenen Fragen ist schier unendlich. Nachdem klar geworden ist, dass die Hinrich-Wilhelm-Kopf-Kaserne in Cuxhaven-Altenwalde keine Erstaufnahmeeinrichtung wird, gibt es einige Dinge zu klären.

Um die frühere Hinrich-Wilhelm-Kopf-Kaserne in Altenwalde war es still geworden, nachdem Ende November 2023 bekannt geworden war, dass sich die Eröffnung der dort geplanten Erstaufnahmeeinrichtung für um mindestens fünf Jahre verschieben werde. Seit Mittwoch steht fest: alles passé.

Aufgrund der Entscheidung der Bundesanstalt für Immobilien (BImA), die Gebäude der Liegenschaft abzureißen und dort Flächen für Biodiversität und erneuerbare Energien zu schaffen, steht das Gelände nicht mehr zur Verfügung. Das Land verfolge seine Pläne hier nicht weiter, verlautete es am Mittwochabend aus dem zuständigen Innenministerium auf Anfrage unserer Redaktion.

Niedersachsen will Plätze der Landesaufnahmebehörde ausbauen

Gleichwohl habe die Landesregierung, die in Altenwalde bis zu 600 Plätze schaffen wollte, weiterhin zum Ziel, die regulären Plätze der Landesaufnahmebehörde Niedersachsen auf 7.500 auszubauen. Das gestalte sich allerdings äußerst schwierig. Zum einen gebe es nur wenige geeignete Liegenschaften und wenn, verlaufe der Prozess oft nur schleppend - unter anderem wegen der mangelnden Unterstützung der Kommunen. Bei Stadt und Landkreis Cuxhaven sei das nicht so gewesen, betont Innenministerin Daniela Behrens und spricht hier von einem "vorbildlichen Engagement".

Cuxhavens Oberbürgermeister Santjer bietet Mitwirkung der Stadt an

"Es ist gut, dass der Schwebezustand beendet ist", sagt Oberbürgermeister Uwe Santjer. Er werde zeitnah mit der BImA in Kontakt treten, um mehr über deren Pläne und die betroffenen Flächen zu erfahren. Er lege Wert auf Pläne, die umsetzbar sind und realisiert werden könnten und biete dabei auch die Mitgestaltung der Stadt an. 

Das Gelände der früheren Hinrich-Wilhelm-Kopf-Kaserne: Was dort konkret passieren soll, ist noch nicht an die Öffentlichkeit gedrungen, gesprochen wird von Biodiversität und regenerativen Energien. Foto: Schröder

Der Standort verfüge über das Potenzial, um Naturschutz- und Nachhaltigkeitszwecken gerecht zu werden: "Die beabsichtigte Nutzung passt in die DNA der Stadt." In der Vergangenheit habe es immer mal wieder Anfragen bei der Wirtschaftsförderung gegeben, um Nutzungsmöglichkeiten auszuloten. Inwieweit dafür noch Reserven bestünden, sei ihm nicht bekannt. Die Zugriffsmöglichkeit aufs Gelände - inklusive eines Ankaufs - sei der Stadt durch die BImA zuletzt verwehrt gewesen.

Besonders am Herzen liegt ihm die Rückmeldung an viele engagierte Bürgerinnen und Bürger, die bereitstanden, das Projekt Erstaufnahme zu begleiten: "Ich danke den Cuxhavenerinnen und Cuxhavenern, der Kirche und ganz besonders den vielen Ehrenamtlichen, die Altenwalde so positioniert haben, dass eine Unterbringung von geflüchteten Menschen möglich gewesen wäre."

Cuxhavener bereit, Nächstenliebe zu zeigen und Verantwortung zu übernehmen

Viele Cuxhavenerinnen und Cuxhavener seien bereit, in einer Zeit großer globaler Herausforderungen Nächstenliebe zu zeigen und Verantwortung zu übernehmen. Dieser Zusammenhalt und dieses Engagement würden weiterhin gebraucht, um auch in Zukunft als offene und solidarische Gemeinschaft zu bestehen.

Allerdings hatte es seit dem Bekanntwerden der Landespläne auch heftigen Gegenwind gegeben. Viele fragten sich, ob so ein kleiner Ort wie Altenwalde einen so großen Anteil zusätzlicher, häufig wechselnder Bewohner aus ganz unterschiedlichen Nationen würde bewältigen können. Selbst ein politisch motivierter Hintergrund bei der Brandstiftung im ehemaligen Unteroffiziersheim im November 2022, das dabei niederbrannte, konnte nicht ausgeschlossen werden.

"Zuwanderung wird großes Thema bleiben"

Die Herausforderung Zuwanderung ist für Uwe Santjer auch nach dieser Absage noch lange nicht bewältigt: "Zuwanderung wird es weiter geben, auch in den nächsten Jahrzehnten. Unsere größte Herausforderung besteht darin, den Menschen ein Dach über dem Kopf zu geben und sie in die Gesellschaft zu integrieren. Das gelingt bei den Allermeisten. Wenn nicht, müssen wir offen darüber reden." Er plädiere für einen offenen Umgang mit dieser Frage in der Stadt. "Wir dürfen bei dieser Frage nicht wegschauen." Santjer kündigte an, zu dieser Frage und der neuen Lage demnächst die Flüchtlings- und Hilfsinitiativen an einen Tisch zu holen.

Das Bild aus dem Jahr 2015 zeigt den Einfahrtsbereich; damals liefen schon die Planungen für eine Notunterkunft, die dann im Dezember eröffnet wurde. Foto: Reese-Winne

Auch die geplante Großunterkunft für geflüchtete Menschen, die der Landkreis Cuxhaven auf dem Gelände schaffen wollte, ist durch die neuen Pläne der BiMA hinfällig geworden, wie Landrat Thorsten Krüger bestätigt. Auch er sei froh darüber, dass es jetzt eine Entscheidung gebe. "Wir haben das Vorhaben immer konstruktiv unterstützt, aber diese Klarheit musste jetzt sein."

Dank der guten Zusammenarbeit mit den Kommunen werde es gelingen, diese 200 Plätze dezentral zu schaffen, so Krüger. Für das allerorten gezeigte Engagement bei Haupt- und Ehrenamtlichen könne er sich nur bedanken. Auf lange Sicht rechne er aufgrund der politischen Großwetterlage eher mit sinkender Zuwanderung.

Kaserne in Altenwalde: Jahre des Leerstands haben Einrichtungen zugesetzt

Die Ertüchtigung wäre mit einem enormen Aufwand verbunden gewesen. Jahrzehnte des Leerstands haben den Gebäuden und Leitungen zugesetzt; auch die für die Notunterkunft in den Jahren 2015/16 instand gesetzten Anlagen wurden - kaum, dass die Einrichtung geschlossen war - wieder dem Verfall preisgegeben.

Die Reihe der sich nun stellenden Fragen ist schier unendlich: Wird die BImA wirklich alle Gebäude abreißen? Wie soll das funktionieren? Wird das Gelände öffentlich zugänglich? Um welche erneuerbaren Energien geht es? Ist das Kapitel Bundeswehr angesichts der veränderten Weltlage wirklich abgeschlossen? Was wird mit dem Wunsch, am Rande der Kaserne das neue Altenwalder Feuerwehrgerätehaus zu bauen? Die Beschäftigung mit all dem geht gerade erst los.

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Maren Reese-Winne

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Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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