Baumschützer kämpfen um zwei Cuxhavener Kastanien
Die markanten Bäume in der Deichstraße sollen gefällt werden. Die Begründung aus den Rathaus leuchtet nicht jedem ein.
Sie dürfen als "stadtbildprägend" gelten; in den Sommermonaten beschatten sie Fahrradstreifen und Fahrbahn: Zwei Kastanienbäume in der Deichstraße sollen bei den Arbeiten am Stadtentwicklungsprojekt "Deichband" gefällt werden. Im Rathaus argumentiert man mit Fragen der Standsicherheit, Projektvorgaben und hohen Erhaltungskosten. Lokale Baumschützer reagieren entsetzt.
Die Initiative Stadtgrün verweist auf die Bedeutung, die bereits einem einzigen Baum mit Blick auf die angestrebten Klimaziele zukommt. In der Cuxhavener Innenstadt, wo die Abgasbelastung der Luft höher ist als in anderen Bereichen der Stadt, könne so ein Baum jährlich mehrere Kilogramm CO₂ kompensieren, heißt es in einer Pressemitteilung. Auch beim Hitzeschutz seien Bäume wie die aktuell zur Disposition stehenden Rosskastanien Gold wert: "Durch den Schattenwurf der Blätter wird die Umgebungstemperatur um bis zu fünf Grad Celsius reduziert", gibt die Initiative zu bedenken. Derartige Bäume zu erhalten sei eine Investition in klimatische Resilienz, öffentliche Gesundheit und wirtschaftliche Nachhaltigkeit, fasst "Stadtgrün" zusammen.
Charakter ist eine Altersfrage
Ansprechpartnerin Gabriele Grubel hob ferner die Bedeutung hervor, die gerade ältere Exemplare für das Ökosystem haben. "Sie geben jüngeren Pflanzen die Chance, hochzukommen", sagte Grubel, aus deren Sicht es im vorliegenden Fall auch um ästhetische Aspekte geht: Wenn die Verwaltung - ihrer Ankündigung nachkommend - großkronige Ersatzbäume pflanze, sei das im Ergebnis trotzdem nicht mit den vorhandenen Kastanien zu vergleichen: "Bäume entwickeln erst im Laufe der Jahre ihren Charakter." Auch aus diesem Grund wollen sich die Mitglieder der Initiative nicht mit der Argumentationslinie der Verwaltung zufriedengeben. Dort hätten sich die Verantwortlichen zweifellos große Mühe gegeben - insbesondere bei der Erklärung, warum die genannten Bäume eben nicht zu erhalten seien.
"Das machen sie immer", so die "Stadtgrün"-Vertreterin, nach deren Dafürhalten man die Wurzeln der Rosskastanien durchaus schützen könnte. Grubel ist auch der Meinung, dass die Bepflanzung, die im Bereich der auf das 'Deichband' führenden Rampe vorgesehen ist, um die Bäume "herum" angelegt werden könnte.
Stadt weist auf Sicherheitsrisiken hin
Auf Anfrage unserer Redaktion verwies die Stadt auf eben jenes Wurzelgeflecht: Ein Rückschnitt - notwendig, um bauliche Maßnahmen wie den barrierefreien Zugang zur auf dem ehemaligen Deichkörper geplanten Promenade zu gewährleisten - würde, so heißt es, die Standsicherheit der beiden Bäume infrage stellen. Gleichwohl habe man alle fachlich vertretbaren Optionen zum Erhalt der beiden Bäume geprüft. Dazu gehört auch, dass die Wurzeln mit einem Saugbagger freigelegt wurden, um besser einschätzen zu können, wie es um die Kastanien bestellt ist. Im Rahmen der Gesamtbetrachtung senkten die Gutachter schließlich den Daumen: Sie sprachen von einer "ohnehin geringen Überlebenswahrscheinlichkeit der Bäume", wiesen jedoch vor allem auf Sicherheitsrisiken hin, die insbesondere bei Sturmlagen von den Kastanien ausgehen könnten.
Allgemein betrachtet handelt es sich um eine besondere Art: Rosskastanien seien "nicht 08/15", betont Jürgen Bouillon, der an der Hochschule Osnabrück eine Professur für Gehölzverwendung und Vegetationstechnik innehat: Attraktiv vom Wuchs her sei solch ein Baum, die Früchte würden gerne von Kindern gesammelt. Insofern hat der Experte großes Verständnis dafür, dass sich die Bevölkerung (wie im Cuxhavener Fall) mit den Kastanien identifiziere. Bouillon wies allerdings darauf hin, dass letztere in unseren Städten nicht auf dieselben Bedingungen treffen wie in ihrem Ursprungsgebiet: Die Rosskastanie ist eine Schluchtenwaldart - Standortbedingungen beeinflussen CO₂-Speicherfähigkeit und Vitalität.
Klimawandel macht hiesige Kastanie zum Auslaufmodell
Bei falscher Pflege sei die Rosskastanie für Fäule anfällig, auch für bestimmte Pilzerkrankungen. Wenn Bouillon davon spricht, dass die bei uns anzutreffenden Rosskastanien "keine Zukunft haben", spielt er allerdings auf die Veränderung unseres Klimas an. Mit einem Temperaturanstieg um circa drei Grad bis zum Ende des Jahrhunderts würden diese Bäume nicht zurechtkommen. Weil aber ein nachgepflanzter Baum mindestens 25 Jahre benötigt, um eine nennenswerte ökologische Leistung zu erbringen, steht man aus Sicht des Wissenschaftlers vor einer Grundsatzentscheidung: Unter Umständen lieber rechtzeitig auf resistentere Bäume setzen? "Wenn es um eine zukunftsfähige Baumart ginge, würde ich um jeden Ast kämpfen", sagt Jürgen Bouillon. Das Schicksal der europäischen Rosskastanie, das sei jedoch besiegelt.