Wasserstoff - der Treibstoff der Zukunft? Eine Wasserstofftankstelle könnte 2026 in Cuxhaven gebaut werden. Doch die größten Stärken spielt der Energieträger H2 in der Industrie aus. Foto: Peter Gercke/dpa
Wasserstoff - der Treibstoff der Zukunft? Eine Wasserstofftankstelle könnte 2026 in Cuxhaven gebaut werden. Doch die größten Stärken spielt der Energieträger H2 in der Industrie aus. Foto: Peter Gercke/dpa
Rezepte für die Energiewende 

Diskussion zum Thema Wasserstoff in Cuxhaven: Verspielt Deutschland eine Chance? 

von Maren Reese-Winne | 30.09.2025

Je dringender der Bedarf wird, desto mehr scheint das Thema Wasserstoff als Energieträger in den Hintergrund zu treten. Während Deutschland noch schaut, legt das Ausland vor. In Cuxhaven warnen Fachleute: "Kein Wasserstoff, keine Energiewende."

Von Maren Reese-Winne

Cuxhaven. Je dringender der Bedarf wird, desto mehr scheint zuletzt das Thema Wasserstoff als Energieträger in den Hintergrund getreten zu sein. Unverständlich angesichts der unbedingten Notwendigkeit von Wasserstoff-Technologie für eine gelingende Energiewende - das hätten die drei Redner beim jüngsten Gesprächsabend der MIT Cuxhaven (Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU) nicht deutlicher vermitteln können.

Ein Thema, das bewegt, wie Kreisvorsitzender Dr. Dirk Timmermann angesichts der gut gefüllten Zuschauerreihen bei der EWE Netz in Cuxhaven feststellte. Mit dem externen Fachberater Marc Itgen (einst Agentur für Wirtschaftsförderung Cuxhaven), Hochschullehrer und Autor Priv.-Doz. David Novak und Alexander Malchus (EWE AG) berichteten gleich drei Fachleute über den Stand der Dinge beim Energieträger der Zukunft.

Mangelnde Technologieoffenheit beklagt

Jedoch, so Marc Itgen, führe die mangelnde Technologieoffenheit in Deutschland zurzeit dazu, dass Förderbescheide zurückgegeben würden und deutsches Geld lieber ins Ausland getragen werde. Dabei seien die Unternehmen absolut investitionsbereit, brauchten aber konkrete Perspektiven.

Unabhängigkeit, Arbeitsplätze und Kreativität

Wasserstoff sei nicht das Allheilmittel, aber es werde wahrscheinlich insbesondere für die Industrie (etwa Stahl, Chemie, Zement) unverzichtbar werden und eine wichtige Rolle im Verkehr und in der Energieversorgung spielen. Ein entschlossener Vorstoß in Sachen Wasserstofftechnologie verspreche nicht nur die dringend erforderlichen Speichermöglichkeiten für überschüssige Energie, die in Spitzenzeiten in Photovoltaik- und Windkraftanlagen erzeugt werde, sondern bedeute auch eine größere Unabhängigkeit von Importen.

Gleichzeitig winkten zahlreiche Arbeitsplätze und nicht zuletzt eine neue Strahlkraft deutscher Ingenieurskunst. "Die Technik ist da und verfügbar." Norddeutschland befinde sich dabei in einer Vorreiterposition. "Wir sollten es uns leisten, groß zu denken", so Itgen. Auch unter Cuxhaven befänden sich zur Lagerung von Wasserstoff geeignete Kavernen, die schon mal bei der Suche nach einem neuen Atommüllendlager-Standort in Deutschland betrachtet worden seien. Die Nutzung als Wasserstoffspeicher sei hierzu sicherlich die attraktivere Alternative.

"H2 ist die Lösung"

Weite Kreise zog David Novak. Die menschengemachte Erderwärmung - drastischer denn je und in Europa nicht nur am stärksten, sondern auch am schnellsten voranschreitend - fordere eine gelingende Energiewende schneller denn je. "H2 (Wasserstoff) ist die Lösung", stellte er eindringlich fest.

In der tatsächlichen Entwicklung schlage sich dies nicht nieder: "Wir sind weiter zurück als vor drei Jahren." Völlig praxisfern sei es, allein auf grünen Wasserstoff zu setzen. Statt sich daran aufzuhalten, täten Politiker und Manager besser daran, loszulegen - so wie es asiatische Staaten wie China, Japan oder Südkorea längst täten.

Ein Mix sei vollkommen in Ordnung, "es würde sogar reichen, wenn wir den Wasserstoff nur kaufen würden", so Novak, "und schon könnten wir eine massive Senkung des CO2-Ausstoßes erreichen - sofort. Wir müssen es nur machen."  

Vorgaben könnten Verbreitung und Akzeptanz verbessern

Obwohl die Wasserstofftechnologie die größere Bedeutung für die Industrie habe, könne Deutschland auch bei der Mobilität Vorbild und Maßstab sein: "Es könnte vorschreiben, dass alle Tankstellen an Autobahnraststätten ab 2030 jeweils eine H2-Tanksäule für Pkw und Lkw vorhalten müssten", nannte er ein konkretes Beispiel. Aber die Politik scheine - ihm unverständlich - dem Wasserstoff als Alternative zur Elektromobilität schon gar keine Chance mehr einzuräumen.

Die EWE hingegen beschränke sich nicht aufs Zuschauen, so Alexander Malchus. Das Energieversorgungsunternehmen errichte zurzeit mehrere Wasserstofferzeugungsanlagen und verfüge über einen Vorsprung bei Transport und Speicherung: Gasleitungen und vorhandene Kavernenspeicher können nach entsprechender Vorbereitung leicht von Gas auf Wasserstoff umgestellt werden.

2026 Wasserstofftankstelle in Cuxhaven

Und was passiert lokal? Eine Frage, die insbesondere den CDU-Landtagsabgeordneten Claus Seebeck interessierte. Im  Cuxhavener Hafen produziert eine Zwei-Megawatt-Elektrolyseanlage bereits grünen Wasserstoff für das Versorgungsschiff "Coastal Liberty". Für 2026 kündigte EWE-Netz-Geschäftsführer Torsten Wüstenberg die Errichtung einer Wasserstofftankstelle in Cuxhaven an.

Stimmen aus dem Publikum machten deutlich, dass mit ihrer Offenheit für die neue Technologie nur zu rechnen sei, wenn diese in absehbarer Zeit praktikabel und bezahlbar zur Verfügung stehe.

Viele - teilweise auch bewusst provokativ formulierte - Impulse zum Thema Wasserstofftechnologie gab es an dem Abend mit David Novak, Dr. Dirk Timmermann, Alexander Malchus und Marc Itgen (v.l.). Foto: Reese-Winne

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Maren Reese-Winne

Redakteurin
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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