Equal Pay, Gewalt, Care-Arbeit: Frauenstreik in Cuxhaven macht Missstände sichtbar
Plakate, Reden und ein Kinofilm über den historischen Frauenstreik in Island: Beim Aktionstag vor dem Bali-Kino in Cuxhaven macht auch Innenministerin Daniela Behrens deutlich, warum Gleichberechtigung noch längst nicht erreicht ist.
Ich stehe mitten drin. Die letzten Wochen habe ich für cnv-medien.de die Vorbereitungen des "Enough - Frauenstreik: Pause für Frauen" begleitet, und jetzt ist es endlich so weit. Montagmorgen (9. März 2026), 9 Uhr, vor dem Bali-Kino in Cuxhaven. Die Sonne scheint, Frauen jeden Alters treffen ein. Lachen, Gespräche, Kaffee in der Hand.
Auf den Stufen vor dem Kino herrscht lebhafte Stimmung: Plakate und Flaggen, die "Omas gegen Rechts" erinnern daran, dass Demokratie und Frauenrechte zusammengehören - und aktuell verteidigt werden müssen. Schulsozialarbeiterin Katrin Stehno von der Osteschule in Hemmoor hat mit Schülerinnen einen Banner und kleine Flaggen vorbereitet. Heute geht es um Sichtbarkeit, Engagement - und darum, dass Gleichberechtigung hart erkämpft werden muss.

Reden auf den Stufen - klare Botschaften
Die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises, Kirsten von der Lieth, eröffnet die Aktion. Anschließend spricht die niedersächsische Innenministerin Daniela Behrens, von den Stufen vor dem Bali-Kino aus. "Wenn wir uns die Fortschritte der Gleichberechtigung ansehen, merken wir: Der Fortschritt ist eine Schnecke. Frauen verdienen immer noch weniger als Männer, sie bekommen weniger Rente, übernehmen deutlich mehr Care-Arbeit - für Familien, Angehörige, aber auch im beruflichen Bereich. Wir haben das FIPO-Gap - Frauen in Führungspositionen in Wirtschaft, Verwaltung, Wissenschaft oder Journalismus sind immer noch unterrepräsentiert. Und trotz gesetzlicher Vorgaben steigen diese Zahlen nur unwesentlich."

Doch der größte Gap, der sie politisch bewegt und warum sie sich engagiere, ist die Gewaltbetroffenheit von Frauen. "Jeden Tag wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Hunderte erleben körperliche Gewalt, Dutzende Vergewaltigungen, Hunderte digitale Angriffe. Diese Gewalt macht freiheitslose Frauen - und ohne Freiheit keine Gleichberechtigung."
Deshalb sei es auch eine Aufgabe als Gesellschaft, Gewalt zu ächten. "Wir müssen darüber reden, uns empören, und aktiv werden - nicht nur als Polizei oder Justiz, sondern als alle Bürgerinnen und Bürger." Veranstaltungen wie diese würden zeigen, dass Engagement zählt und dass gemeinsam etwas bewegt werden kann. "Jede Stimme, jede Aktion hat Bedeutung. Lassen Sie uns die Flamme der Empörung tragen, sichtbar machen, dass wir es nicht akzeptieren." Anschließend begrüßt auch Alexandra Harrer vom Ortsverband Verdi Cuxhaven gemeinsam mit einer Kollegin die anwesenden Frauen.

Superheldin und Hochglanzmagazin
Mariana Härtel von der Beratungs- und Interventionsstelle häusliche Gewalt übernimmt anschließend das Mikrofon. "Frauen sollen Superheldin, Timer-App und Hochglanzmagazin in einem sein", sagt sie und erntet zustimmendes Lachen. Sie betont, dass Scheitern nicht persönliches Versagen ist. Unsichtbare Arbeit, Care-Arbeit, Bildungslücken - all das tragen noch immer die Frauen.

Aktion auf der Wäscheleine - sichtbar und anonym
Statt Statements geben die Besucherinnen Antworten auf Fragen über QR-Code oder auf Zetteln ab. "Warum bist du heute hier?", "Was macht dich wütend?" Die Antworten werden an einer Wäscheleine im Foyer aufgehängt - bunt, sichtbar, aber anonym. "Ich wünsche mir mehr Bildung für Frauen, damit sie selbst entscheiden können, welchen Weg sie gehen", steht auf einem Zettel. Auf einem anderen: "Schaut hin bei Ungerechtigkeit!"
Im Foyer des Kinos werden Popcorntüten verteilt. Sie sind beklebt mit Botschaften gegen Gewalt an Frauen vom Arbeitskreis gegen häusliche Gewalt. Als im ausverkauften Kino 1 der Film "Ein Tag ohne Frauen" über den isländischen Frauenstreik 1975 startet, wird es still.

"Áfram stelpur"
Im Film erklingt das Lied "Áfram stelpur": "In Sicht ist jetzt die Freiheit, und es wurde ja auch endlich Zeit, Frauen kommen und stehen zusammen, und tragen das Symbol der Freiheit. Die Zeit ist angebrochen! Die Stunde ist nun da! Wir halten uns alle Hand in Hand und halten fest an unseren Zielen. Auch wenn manche nach hinten wollen, andere stehen still, doch wir stimmen niemals zu! Doch wage ich, will ich, kann ich? Ja, ich wage, kann und will!"
Die Szenen und das Lied zeigen eindrucksvoll, wie Frauen damals ihre Arbeit niederlegten und für ihre Rechte kämpften. Bei dem historischen Streik am 24. Oktober 1975 in Island, nahmen 90 Prozent der Frauen teil und legten das Land lahm. Sie waren sich nicht immer einig, sie kamen aus unterschiedlichen politischen Richtungen, aber eins hatten sie gemeinsam: den Kampf um die Gleichberechtigung.
Hinter mir sitzen junge Schülerinnen aus Hemmoor und neben mir die Gleichstellungsbeauftragten. Auf der anderen Seite Frauen, die schon seit Jahren für die Rechte der Frauen kämpfen - und in diesem Moment wird deutlich, warum jede Stimme zählt und was Frauen gemeinsam erreichen können.
