Bluttat in Stade: Enge Beziehung zwischen Einrichtung und der Cuxhavener Jugendhilfe
Die Beziehungen aus dem Kreis Cuxhaven in die Mutter-Kind-Einrichtung in Stade, in der sechs Menschen erschossen wurden, waren eng. In großer Runde haben Mitarbeitende jetzt über das Unfassbare gesprochen. Gleichzeitig ging es um Schutzkonzepte.
Es hätten auch sie sein können. Viele von ihnen sind ein- und ausgegangen in der Stader Einrichtung, in der ein Mann am 29. Juni kaltblütig und gezielt sechs Menschenleben beendet hat. Der Landkreis Cuxhaven brachte dort viele Mütter und ihre Kinder unter, die Nähe zu Hemmoor legte das nahe. Dass sie in dem Haus Hilfeplangespräche führten - so wie das, nach dem ihre Kolleginnen und Kollegen gestorben sind -, war an der Tagesordnung.
Trauer, Sicherheitsmaßnahmen, Eigenschutz, Identifikation: Um all dies ging es am Mittwoch bei einer Zusammenkunft der Beschäftigten aus den Bereichen Jugendschutz, Inobhutnahme, Pflegekinderdienst, aber auch dem Veterinär- und Gesundheitsamt. Ein Auftakt dafür, aus der Hilflosigkeit in den Austausch zu kommen. Das Angebot wurde intensiv wahrgenommen und hat die tiefe Betroffenheit gezeigt.
Zerrissenheit reicht bis in die eigenen Familien
Sozialdezernent Friedhelm Ottens und Oliver-Carsten Karau, Fachbereichsleiter Pflegekinderdienst und Kindertagespflege beim Landkreis Cuxhaven, beschönigen beim Pressegespräch im Kreishaus nichts, während sie über die Zerrissenheit der Beschäftigten sprechen. Während diese ihrer Arbeit weiter nachgehen, setzt - auch zu Hause in den Familien - der Reflexionsprozess ein: Ist die berufliche Aufgabe das Risiko wert?

Helfen zu wollen und Aggression zu ernten, klingt paradox und ist doch an der Tagesordnung: "Die Tendenz zur Gewaltbereitschaft ist in ganz Deutschland zu beobachten", berichtet Oliver-Carsten Karau. Dabei sei die - immer auf einer gerichtlichen Anordnung beruhende - Herausnahme eines Kindes aus der Familie immer eine hochemotionale Angelegenheit und eine Krisensituation für alle Beteiligten.
Auf ein solches Szenario kann sich niemand vorbereiten
"Auch ein Hilfeplangespräch kann emotional und auch mal laut sein", berichtet er, "aber niemand hätte in einer Mutter-Kind-Einrichtung erwartet, dass jemand eine Waffe zieht und gezielt sechs Personen erschießt." So etwas sei weder erwartbar noch berechenbar gewesen.
"Gegen eine solch gezielte Tat gibt es, so schwer es auch ist, keinen hundertprozentigen Schutz", stellt Friedhelm Ottens fest. Dennoch gebe das Ereignis Anlass für einen Veränderungsprozess, der den Schutz der Mitarbeitenden verbessern soll. Eine Gratwanderung: "Es wird nicht möglich sein, immer die Polizei hinzuzuziehen oder zu zweit in die Familien zu gehen." Auch kugelsichere Westen kämen für die Mitarbeitenden nicht infrage: "Was würden wir den Kindern damit antun, wenn wir mit Vollschutz in die Familien gehen?"
Zum Schutz der Kinder bleibt manchmal nur der Eingriff des Staates
Zusammen mit Oliver-Carsten Karau erläutert er die Umstände einer Inobhutnahme: "Keiner nimmt gerne ein Kind aus der Familie heraus. Aber der Grundsatz des Gewaltschutzgesetzes "Wer schlägt, der geht" ist hier nicht anzuwenden. So verliert das Kind unter Umständen Vater und Mutter, weil diese nicht in der Lage sind, in der Familie für Sicherheit zu sorgen." Auch für Kinder, die zuvor schwerer Misshandlung und Vernachlässigung ausgesetzt gewesen seien, bleibe die Trennung traumatisch. Die Jugendhilfe sei auf den Halt der Familie ausgelegt, aber zum Schutz der Kinder bleibe manchmal nur der Eingriff des Staates übrig.

Auch nach dem Geschehen in Stade werde diese Arbeit fortgesetzt: "Wir müssen handeln, natürlich gehen wir noch raus", so Oliver-Carsten Karau. "Wenn man sieht, unter welchen Umständen Kinder leben, ist das eine Verpflichtung. Wir haben auch im Landkreis Cuxhaven Kinder, auf die wir aufpassen müssen."
Keine Mauer zur Jugendhilfe aufbauen
"Der Zugang zur Jugendhilfe soll so niedrigschwellig wie möglich bleiben, wir wollen keine Mauer aufbauen", sind sich beide Fachleute einig. Gemeinsam solle nun ein erweitertes Schutzkonzept erarbeitet werden, in dem es beispielsweise um Vorkehrungen beim Zugang zu Einrichtungen, Deeskalationstraining, ein verbessertes "Onboarding" für neue Mitarbeitende oder Gesprächsangebote geht, die über die bisherige Supervision hinausgehen.
Ressourcenmangel lässt kaum Reflexion zu
Als ein Problem erkennt Oliver-Carsten Karau die prekäre Situation der Jugendhilfe in ganz Deutschland mit einem Mangel an Ressourcen, Personal und Einrichtungen: "Es ist ein Funktionieren, das bislang keine Zeit für Veränderung und Reflexion zugelassen hat." Aus der Gesellschaft schlage den Behörden eine Erwartungshaltung entgegen; manche Eltern wollten anderen ihre Aufgabe aufdrücken. Die Tat habe aber auch die schwierige Arbeit der Beschäftigten in den Blickpunkt der Gesellschaft gerückt.
Zusammen mit den öffentlichen Stellen in Stade und Bremerhaven möchte er eine stärkere Kooperation und Vernetzung anschieben, deren Wert sich schon unmittelbar nach dem Geschehen zeigte. Große Anerkennung sprechen er und Friedhelm Ottens dem Sachbereichsleiter des Allgemeinen Sozialdienstes (ASD) Mitte aus, der sich sofort um die Unterbringung der Mütter mit ihren Kindern an sicheren Orten kümmerte.

Mütter mussten bei eiliger Flucht alles zurücklassen
Fünf der sechs in der Einrichtung untergebrachten Mütter mit Kindern kamen aus dem Landkreis Cuxhaven. Nachdem eine Jugendherberge die erste Zuflucht war, gelang die Unterbringung in anderen Einrichtungen. Unbürokratisch seien den Müttern Erstausstattungen für ihre Kleinstkinder bereitgestellt worden, nachdem sie bei der eiligen Evakuierung alles im Haus hatten zurücklassen müssen.
Die psychische Verarbeitung der Geschehnisse befinde sich noch ganz am Anfang, sind beide überzeugt. Sie glauben auch nicht, dass das in dem Haus gelingen kann, in dem die unfassbare Tat geschehen ist.
"Nicht einer Person so viel Macht verleihen"
Eines will sich Oliver-Carsten Karau aber nicht vorschreiben lassen: "Ich möchte wegen eines Menschen nicht meine pädagogische Haltung in der Jugendhilfe verändern. Das haben die Einrichtung und die Familien nicht verdient, sondern sie haben das Recht auf Unbefangenheit und unvoreingenommene Hilfe. Ich will einer Person nicht die Macht verleihen, das zu ändern."

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