Per Rettungshubschrauber wird der Taucher in eine Spezialklinik nach Sachsen-Anhalt gebracht. Foto: Jürgen Lange
Per Rettungshubschrauber wird der Taucher in eine Spezialklinik nach Sachsen-Anhalt gebracht. Foto: Jürgen Lange
Medizinische Versorgung

Nach Tauchunfällen im Kreidesee Hemmoor: Entscheidende Hilfe ist oft Stunden entfernt

von Tim Larschow | 30.07.2025

Bei Tauchunfällen - wie kürzlich im Kreidesee Hemmoor - zählt jede Minute. Doch in Norddeutschland fehlt eine Druckkammer. Verunglückte müssen oft in weit entfernte Spezialkliniken geflogen werden - obwohl die Kammern in Cuxhaven gebaut werden.

Laut der Gesellschaft für Tauch- und Überdruckmedizin (GTÜM) kam es vor 2012 immer wieder zu dramatischen Einsätzen: Ein Rettungshubschrauber mit einem lebensgefährlich verunfallten Sporttaucher an Bord irrte auf der Suche nach einer einsatzbereiten Notfalldruckkammer erfolglos durch die Bundesrepublik. Wegen Treibstoffmangels musste er schließlich in einer Großstadt landen. Dort gab es zwar eine Druckkammer, der Taucher überlebte diese Odyssee jedoch nicht.

In dieser Sauerstoffüberdruckkammer in Halle (Saale) werden Patienten nach Tauchunfällen behandelt. Hergestellt wurde die Druckkammer von Haux-Life-Support in Cuxhaven. Foto: Universitätsmedizin Halle

In einem weiteren Fall dauerte es fast neun Stunden, bis ein junger Taucher erfolgreich in einem HBO-Zentrum (Zentrum für hyperbare Sauerstofftherapie) untergebracht werden konnte. Daraufhin wurde das "Aktionsbündnis Tauchunfall" im Januar 2012 gegründet, um auf die Notwendigkeit der Versorgung von Tauchern mit Druckkammerbehandlung hinzuweisen - verbessert hat sich die Situation bis heute aber kaum. Das zeigt ein aktueller Vorfall am Kreidesee in Hemmoor.

Eine Stunde mit dem Hubschrauber unterwegs

Nach Angaben der Polizei führte ein 56-jähriger Mann am vergangenen Sonntag gegen 12.20 Uhr aus einer Tiefe von rund 24 Metern einen unkontrollierten Notaufstieg durch. Bereits wenige Minuten später waren ein Notarzt, zwei Rettungswagen sowie die Polizei an der Einsatzstelle. Noch während der Taucher erstversorgt wurde, wurde der ADAC-Rettungshubschrauber aus Itzehoe angefordert, der 15 Minuten später am Kreidesee landete. "Der Flugmediziner an Bord entscheidet dann nach dem Krankheitsbild des Patienten, wo die schnellstmögliche und beste Behandlung möglich ist", erklärt Jochen Oesterle, Unternehmenssprecher der ADAC-Luftrettung.

Im Rettungswagen wird das Taucherehepaar nach dem Unfall im Kreidesee von Notarzt und Rettungsdienst erstversorgt. Foto: Lange

Während der Behandlungen vor Ort wurde eine freie Druckkammer für den 56-Jährigen gesucht. Gegen 13.45 Uhr flog der Rettungshubschrauber den Patienten in das Zentrum für Hyperbarmedizin des Universitätsklinikums Halle an der Saale. Die Entfernung (Luftlinie) zwischen den Orten beträgt 311 Kilometer - ein Rettungshubschrauber benötigt für diese Strecke je nach Typ und Windverhältnissen etwa eine Stunde. Die Druckkammer, in der der Verunglückte anschließend behandelt wurde, wurde übrigens in Cuxhaven von Haux-Life-Support gebaut.

Fehlende Druckkammern in Norddeutschland

Und obwohl Druckkammern in Cuxhaven gefertigt werden, gibt es in der Region kein Krankenhaus mit einer Druckkammer für Notfälle. Druckkammern für die hyperbare Sauerstofftherapie (HBO) existieren nur an wenigen spezialisierten Standorten in Deutschland, häufig in Universitätskliniken oder speziellen Zentren. Für eine schnelle und wirksame Behandlung ist eine Druckkammer jedoch entscheidend.

Ein Rettungshubschrauber fliegt den Taucher nach dem Unfall im Kreidesee in eine Spezialklinik nach Sachsen-Anhalt. Foto: Jürgen Lange

Eine Druckkammer - oder Dekompressionskammer - ist ein luftdichter und druckfester Behälter oder Raum zur kontrollierten Steigerung oder Absenkung des Umgebungsdrucks. Ein Druckunfall passiert beispielsweise dann, wenn ein Taucher zu schnell an die Oberfläche kommt. Die Folgen können Atembeschwerden, Funktionsstörungen des Gehirns oder Schmerzen durch Stickstoffeinlagerungen in den Gelenken sein.

Große Lücken bei der Notfallversorgung

Eine Erfassung der Standorte der Gesellschaft für Tauch- und Überdruckmedizin aus dem März 2025 zeigt erhebliche Versorgungslücken. Notfallzentren für Tauchunfälle und andere (Notfall-)Indikationen finden sich in Halle an der Saale, Berlin, Düsseldorf, Gelsenkirchen, Aachen, Wiesbaden und Murnau.

Eine Druckkammer ist ein luftdichter und druckfester Behälter oder Raum zur kontrollierten Steigerung oder Absenkung des Umgebungsdrucks. Foto: Universitätsmedizin Hall

Druckkammern mit gesicherter 24-Stunden-Dienstbereitschaft für die hyperbare Sauerstofftherapie (HBOT) - einschließlich Intensivmedizin in der Druckkammer und Zugriff auf klinische Intensivbetten - gibt es bundesweit nur in vier Krankenhäusern: Kiel, Stuttgart, Ulm und Regensburg.

Das nächstgelegene Ziel von Hemmoor aus wäre Hamburg. Dort gibt es zwar einen Standort mit Druckkammer, dieser hat jedoch keine Notfallbetten, keinen geeigneten Helikopter-Landeplatz, keine Intensivstation. Intensivmedizin in der Druckkammer ist dort auch nicht möglich. Das geht aus einer detaillierten Liste der GTÜM hervor, auf der auch die Leistungen der Standorte zusammengefasst sind.

Druckkammern sind nicht flächendeckend vorhanden, weil sie teuer in der Anschaffung und im Betrieb sind und die Nachfrage nicht überall hoch genug ist, um eine dauerhafte Versorgung zu rechtfertigen.

Die GTÜM und das "Aktionsbündnis Tauchunfall" kritisieren ausdrücklich die geringe Anzahl geeigneter Zentren. Laut einer Bestandsaufnahme stehen gerade einmal vier Zentren bundesweit zur fachgerechten Versorgung schwerer Tauchunfälle rund um die Uhr zur Verfügung.

Das Aktionsbündnis bezeichnet diesen Zustand als "erschreckend wenig" und betont, dass der deutsche Versorgungsstandard im internationalen Vergleich erheblich schlechter sei. Eine Lösung für dieses Problem ist bisher nicht in Sicht.

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Tim Larschow

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