Zwei tote Schafe liegen an der Hauptstraße in Mittelstenahe. Weitere verendete Tiere entdeckt der Halter im Ort. Foto: Kramp
Zwei tote Schafe liegen an der Hauptstraße in Mittelstenahe. Weitere verendete Tiere entdeckt der Halter im Ort. Foto: Kramp
Neue Dimension erreicht

"Noch nichts gehört": Lamstedter Schaf-Hetzjagd durch Wolf wohl Novum für Deutschland

von Wiebke Kramp | 18.02.2026

Eine neue Dimension ist erreicht: Die Hetzjagd durch den Wolf, wie sie etwa 100 Schafe Dienstagnacht zwischen Stinstedt und Mittelstenahe (Samtgemeinde Börde Lamstedt / Kreis Cuxhaven) erleben mussten, dürfte für Deutschland bislang einmalig sein.

Mit dem Hetzen einer Schafherde über mindestens fünf Kilometer bis in den Mittelstenaher Ortskern haben die Wolfsattacken eine neue Dimension erreicht. "Von einer Hetzjagd über eine so lange Distanz habe ich in Deutschland noch nichts gehört", bestätigt auf NEZ/CN-Nachfrage der ehrenamtliche Wolfsberater, Jäger und Pferdehalter Bernard Wegner aus Buchholz in der Nordheide.

Reizüberflutung und Adrenalinrausch

Der Experte weiß aber von anderen Vorkommnissen mit vielen verletzten und toten Nutztieren durch Wölfe. 19 trächtige Mutterschafe verendeten bei der jüngsten Attacke in der Nacht zu Dienstag (17. Februar 2026). Der Wolfsberater führt dies auf eine Reizüberflutung und einen Adrenalinrausch des Beutegreifers zurück. Auch dass direkt nach den Bissen nichts gefressen wurde, sei keinesfalls unüblich. "In der Natur reißen die Wölfe etwas und kehren später dorthin zurück, um in Ruhe zu fressen." Das Seuchengesetz verhindere aber, Kadaver mehrere Tage liegenzulassen, Tierhalter seien angehalten, tote Tiere schnell zu entsorgen.

Die zunehmende Wolfspopulation führt offenkundig zu mehr Problemen und Diskussionen. "Der ländliche Raum fühlt sich verraten und verkauft, ich bekomme viele Anrufe von besorgten Bürgern auch aus dem Kreisgebiet Cuxhaven", meint Wegner gegenüber cnv-medien.de. Er spricht sich deutlich für ein intensives Monitoring sowie ein vernünftiges Wolfsmanagement aus. "Es wird langsam zu eng bei uns, und die jungen Wölfe lernen, wo sie am bequemsten Beute kriegen. Das Cuxland ist besonders betroffen." Schätzungsweise leben allein in Niedersachsen rund 800 Wölfe. "Das sind deutlich mehr als in Gesamt-Skandinavien", erläutert Wegner. Allein in Schweden werden beispielsweise 275 Wölfe gezählt, dort soll die Population durch Bejagung auf 175 begrenzt werden. Im Yellowstone-Nationalpark in den USA leben nie mehr als 125 Tiere - er ist etwa so groß wie das Land Schleswig-Holstein. Die rot-grüne Landesregierung und das ihr unterstellte Wolfsbüro in Niedersachsen wollten aber keine Begrenzung der Population, merkt Wolfsberater Wegner an - und sein Bedauern darüber wird deutlich.

Mitten in Mittelstenahe fand das Tierdrama ein Ende. Ehepaar Offermann mit Schäfer Frank Mählmann (r.) bedauern, dass auch dieses schwer verletzte Schaf nicht gerettet werden kann. Kurz darauf wird es vom Tierarzt eingeschläfert. Foto: Kramp

Landvolk: "Und niemand weiß, was der nächste Tag bringen wird."

Alina Kusabs, Geschäftsführerin des Landvolks Land Hadeln-Cuxhaven, teilt in einer Presseerklärung angesichts des jüngsten Vorfalls in der Börde Lamstedt mit: "Wenn Beutegreifer bis in Siedlungsnähe vordringen, stellt sich nicht mehr nur die Frage nach Herdenschutz - sondern nach Verantwortung gegenüber der Bevölkerung im ländlichen Raum. Viele Landwirtinnen und Landwirte sagen inzwischen offen: Wir sprechen nicht mehr über Einzelfälle. Wir sprechen über eine dauerhafte Lage, die unsere Region überfordert. Unsere Landwirte malen nichts schwarz. Sie schildern die Realität und die sieht leider so aus: Getötete oder verendete Tiere, die leiden mussten, verletzte und verstörte Herden. Und niemand weiß, was der nächste Tag bringen wird. Diese Situation ist so belastend, weil die Gefahr nicht theoretisch ist - sie steht real und sichtbar direkt vor den eigenen Hoftoren."

Alina Kusabs, hier mit ihrem Jagdhund Knut, ist Geschäftsführerin des Landvolks Land Hadeln-Cuxhaven. Foto: Grewe

Familien berichteten laut Kusabs davon, "dass Wölfe nicht nur an Weiden auftauchen, sondern über Höfe streifen, in Gärten stehen oder nachts an Ställen entlanglaufen - teilweise unmittelbar neben Häusern. Einige Betriebe schildern, dass Wölfe direkt durch offene Stallgassen liefen, wenige Meter von den Fenstern entfernt, hinter denen Kinder schlafen."

Landvolkvorsitzender Heino Klintworth beschreibt die Lage so: "Es gibt Landwirtinnen, die morgens erst in den Außenbereich schauten, bevor sie ihre Kinder auf den Hof, zum Bus oder zum Spielen lassen - aus Sorge davor, was draußen auf sie wartet. Das ist kein Zustand, den wir als Gesellschaft akzeptieren dürfen."

Heino Klintworth, Vorsitzender des Landvolks Land Hadeln-Cuxhaven, berichtet von Familien, die sich Sorgen um ihre Kinder machen. Foto: Kramp

Ministerium: "Vorwurf weisen wir entschieden zurück"

Den spürbaren Unmut, die Politikverdrossenheit und lauter werdende Vorwürfe der Tatenlosigkeit durch Wolfsbüro und Landespolitik hat cnv-medien.de zum Anlass genommen, beim Umweltministerium in Hannover nachzuhaken. Matthias Eichler, stellvertretender Pressesprecher des niedersächsischen Umweltministeriums, teilt dazu mit: "Den Vorwurf, das Wolfsbüro oder die Landesregierung würden tatenlos zusehen, wie Problemwölfe in Ihrer Region Nutztiere reißen, weisen wir entschieden zurück. Vielmehr war es Umweltminister Christian Meyer, der - in Absprache mit Stadt und Landkreis - seinerzeit einen Schnellabschuss angeordnet hatte." Unbeantwortet hingegen bleibt jedoch die Frage, ob es vonseiten des Wolfsbüros proaktiv Informationen für die ländliche Bevölkerung im wolfreichen Cuxland geben wird.

Die Diskussion um den Wolf reißt nicht ab. Foto: dpa/Stratenschulte

Aktuell zum Thema Wolf meint Umweltminister Christian Meyer (Grüne) in einem schriftlichen Statement: "Während landesweit - auch dank des vom Land mit Millionen Euro geförderten Herdenschutzes - die Zahl der Nutztierrisse stagniert oder sogar zurückgeht, steigt die Zahl der Übergriffe im Raum Cuxhaven durch problematische Wölfe und Rudel. Die hohen Nutztierschäden waren auch Grundlage für die vom Land für den Landkreis erteilte und gerichtlich erfolgreiche Ausnahmegenehmigung im letzten Jahr."

Umweltminister Christian Meyer (Grüne). Foto: Jan Iven

Meyer weiter: "Jetzt hoffen wir darauf, dass der Bund zügig die Regel-Entnahmen problematischer Wölfe und Rudel vereinfacht und rechtssicher entbürokratisiert. Leider sind trotz vieler Ankündigungen seit mehr als einem Jahr neuer Regierung im Bund immer noch nicht die neuen EU-Vorgaben umgesetzt, sodass noch die alte, schwierige Rechtslage für die Länder gilt."

Das Land hatte den Wolf im Oktober 2025 zum Abschuss freigegeben. Das Raubtier hatte zuvor für mehrere Risse im Raum Steinau (Samtgemeinde Land Hadeln) gesorgt. Letztendlich kam es aber nicht zum Abschuss eines Tieres.

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Wiebke Kramp

Redakteurin
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

wkramp@no-spamcuxonline.de

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