In einem Boot für das Thema Spracherwerb: Anne Gryczan (l.) und Dr. Hella Fröhlke vom Landkreis Cuxhaven unterhielten sich mit unserer Redaktion über die erhebliche Bedeutung von Sprache, frühen Hilfen und Logopädie. Foto: Reese-Winne
In einem Boot für das Thema Spracherwerb: Anne Gryczan (l.) und Dr. Hella Fröhlke vom Landkreis Cuxhaven unterhielten sich mit unserer Redaktion über die erhebliche Bedeutung von Sprache, frühen Hilfen und Logopädie. Foto: Reese-Winne
Auffälligkeiten nehmen zu

Expertinnen beim Landkreis Cuxhaven: Was Sprache für das ganze Leben so wichtig macht

von Maren Reese-Winne | 02.06.2025

"Mangelnde Deutschkenntnisse dürfen keinen Grund für eine Zuweisung eines Kindes in die Logopädie darstellen", betonen Anne Gryczan und Dr. Hella Fröhlke vom Landkreis Cuxhaven. Um Sprachentwicklung zu fördern, bedürfe es eines ganzen Netzwerkes.   

Ihre Not schilderten bei einem Pressegespräch vor einigen Wochen niedergelassene Logopädinnen aus Stadt und Kreis Cuxhaven. Der massive Zulauf lasse ihnen keine Luft mehr zur Behandlung von akut und chronisch schwer kranken Patienten oder Kindern in der wichtigsten Phase ihrer Sprachentwicklung, berichteten sie und machten deutlich, wie Druck und Erwartungshaltung vieler Familien ihnen zusetzten.

Schuleingangsuntersuchung ist ein wichtiger Gradmesser

Doch oft seien sie mit ihren Anliegen bei ihnen überhaupt nicht an der richtigen Stelle. Ein Dilemma, das Dr. Hella Fröhlke, Fachbereichsleiterin im kinder- und jugendärztlichen Dienst des Landkreises, und Anne Gryczan vom Amt für Sozialplanung, Leiterin der Koordinierungsstelle Migration und Teilhabe, nur bestätigen können.

Der kinder- und jugendärztliche Dienst sehe in jedem Jahr rund 2200 Kinder im Rahmen der Schuleingangsuntersuchungen; Sprachauffälligkeiten hätten dabei zugenommen, berichtet Dr. Hella Fröhlke. Häufiger noch sei dies bei Jungen und in Familien mit geringen Bildungsabschlüssen sowie zugewanderten Familien zu beobachten. Dieses Problem erfordere die Zusammenarbeit aller Institutionen.

Viele Eltern wollen Aufgaben auf das System übertragen

Hella Fröhlke: "Viele Eltern sind stärker belastet, sie müssen mehr arbeiten; der Personalmangel in den Kitas erhöht den Druck. Und so bleibt weniger Ruhe für Lesen und Sprache." Der Druck wirke sich auf die Erziehungskompetenz aus: "Eltern verlassen sich mehr auf das System - inklusive der Logopädie."

Unterstützung muss lange vor dem Schulalter beginnen

Mit guten Gründen verfüge der Landkreis über ein breites Paket an Maßnahmen und Hilfsangeboten für eine Familien- und Sprachförderung lange vor dem Schulalter - wichtig, denn das Sprachentwicklungsfenster sei begrenzt. Die Sprachentwicklung gebe den Weg für das ganze Leben vor. Wenn Kinder hingegen nicht verstanden würden, seien Verhaltensauffälligkeiten vorprogrammiert. 

Bei trotz Kita-Besuch und ambulanter Begleitung anhaltenden Auffälligkeiten sei gegebenenfalls der Weg in eine der drei Sprachheilkindertagesstätten in Cuxhaven, Hemmoor oder Kramelheide angebracht. Die Fachberatung Hören, Sprechen und Sehen des Niedersächsischen Landesamts für Soziales, Jugend und Familie biete Sprechtage hierzu in Zusammenarbeit mit dem Kreis-Gesundheitsamt mehrfach im Jahr in Cuxhaven an. Die Voraussetzung für einen Besuch der Sprachheilkita - eine zuvor erfolgte logopädische Behandlung für mindestens ein halbes Jahr - könne aufgrund der Lage bei den niedergelassenen Logopädinnen und Logopäden allerdings kaum noch erfüllt werden.

Vorlesen und Sprechen müssen in der Familie stattfinden

Die Sprachentwicklung ist auch ein wesentlicher Bestandteil der Frühförderung. Den Bedarf hierfür stellt die Beratungsstelle für Früherkennung und Frühförderung (BFF) fest. Fester Bestandteil der Hausfrühförderung ist die Anleitung der Eltern. Denn deren Rolle halten Hella Fröhlke und Anne Gryczan für essenziell, ganz gleich, ob das Kind parallel professionelle Hilfe erhält oder nicht: "Vorlesen, Sprechen, Ansprache ist Elternarbeit", betonen sie.

Die Frühförderung kann sich über die ersten drei Lebensjahre erstrecken; besucht das Kind keinen Kindergarten, kann sie auch bis zum Schulbeginn dauern. Den Bedarf stellt ein multiprofessionelles Team (Kinderarzt, Physiotherapeutin, Logopädin, Frühförderin) sehr niedrigschwellig im Kreishaus fest. Bei festgestelltem Förderbedarf übernimmt der Landkreis als örtlicher Träger der Sozialhilfe die Kosten. Den Eltern stehen für die Therapeutensuche verschiedene Anlaufstellen (DRK, Arbeiterwohlfahrt, heilpädagogische Praxis Anne Elster und andere) zur Verfügung.

Besuch der Kita während der Sprachentwicklung essenziell

Wenn zu Hause nicht Deutsch die Muttersprache sei, sei der Besuch der Kita noch während der Sprachentwicklung essenziell, betonen die Expertinnen. Hierüber müssten Eltern intensiv aufgeklärt werden. Anne Gryczan: "Es ist wichtig für Kindergarten und Schule, dass Eltern deren Angebote verstehen." Mangelnde Deutschkenntnisse dürften hingegen keinen Grund für eine Zuweisung eines Kindes in die Logopädie darstellen. Ein wichtiger Anhaltspunkt sei dabei die Betrachtung der Ausdrucksfähigkeit in der Muttersprache.

Eltern brauchen Kurse ebenso wie Alltagsgespräche

Neben Angeboten zur Überwindung kultureller Unterschiede sei ein breites Angebot zur Sprachförderung auch für die Eltern essenziell. Neben den Kursen des Bundesamts für Migration und Sprachförderung (BAMF) gebe es im Landkreis zahlreiche Angebote zur niedrigschwelligen Sprachförderung, die auch finanziell gefördert werden könnten. Hella Fröhlke: "Wir sind laufend auf der Suche nach Kooperationspartnern." Wenn da nur die weiten Distanzen, Lücken im öffentlichen Personennahverkehr, fehlende Kinderbetreuung während der Kurse und Personalmangel bei den Anbietern nicht wären... Umso bedeutsamer sei es, so Anne Gryczan, den Familien Möglichkeiten zu geben, sich unabhängig von Kursen auf Deutsch zu unterhalten, Alltagssprache zu lernen und anzuwenden.

Einladung zur Schuleingangsuntersuchung wird häufig ignoriert

Neben sehr bemühten Eltern, die verzweifelt Hilfe suchen, ist auch ein gegenläufiger Trend sichtbar: Angesichts der Tatsache, wie fatal sich Sprachauffälligkeiten auf die Entwicklung des Kindes auswirken, findet es Hella Fröhlke sehr bedauerlich, dass Eltern immer häufiger die Einladung zur Schuleingangsuntersuchung ignorieren. "Manchmal aus Desinteresse, manchmal, weil die Einladung nicht verstanden wird." Die Teilnahme an der Untersuchung sei jedoch Pflicht; die wiederholte Einladung fordere erhebliche Ressourcen.

Alle Defizite, die nicht rechtzeitig aufgeholt werden konnten, müssten in der Schule bei oft begrenzter Personalausstattung aufgefangen werden. Betroffen sei nicht nur das Fach Deutsch, sondern alle Fächer: "Die Folgen reichen bis zum fehlenden Schulabschluss und Frust auf allen Seiten."

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Maren Reese-Winne

Redakteurin
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

mreese-winne@no-spamcuxonline.de

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