MVZ-Verlagerung: Landkreis Cuxhaven kann "keinen gravierenden Einschnitt" erkennen
Der Umzug des MVZ Rohdestraße in Cuxhaven sorgt für Aufregung. Dabei, so argumentiert der Landkreis, soll diese Maßnahme die Gesundheitsversorgung der Zukunft sichern. Eine strenge Budgetierung und Personalmangel erforderten auch unbequeme Schritte.
Nachdem die Nachricht wie aus heiterem Himmel bekannt wurde - ausgelöst durch die Anfrage unseres Medienhauses -, wird inzwischen auch auf der Homepage des Medizinischen Versorgungszentrums Rohdestraße Cuxhaven (MVZ) auf die beabsichtigte Verlagerung und Aufteilung zum 1. April 2027 hingewiesen.
Mehrere Gründe wurden in einem Pressegespräch mit der Landkreis-Spitze und der Otterndorfer Krankenhaus-Geschäftsführerin Jennifer Schroth genannt. Nach Schilderung des Landrats Thorsten Krüger stelle der MVZ-Umzug kein Zufallsprojekt dar, sondern sei Teil einer Kreis-Offensive zur Sicherung der Grundversorgung. Er entspreche auch dem Auftrag der Politik, den Krankenhausstandort Otterndorf zukunftsfähig zu machen.
Jüngste gesetzliche Rahmenbedingungen mit zu erwartenden heftigen Mindereinnahmen im stationären und ambulanten Bereich hätten diesem Vorgang erheblich mehr Nachdruck verliehen. Ein Beispiel: Der allumfassende Budgetierungsdeckel werde auch das MVZ betreffen, so der zuständige Erste Kreisrat Friedhelm Ottens. Das sei kein Cuxhaven-spezifisches Problem, sondern werde in ganz Deutschland Praxisstandorte gefährden.
"Für den Landkreis ist das Anlass, Verantwortung zu übernehmen - obwohl es keine Pflichtaufgabe ist", so Ottens. Der Kreis habe (zusammen mit der Samtgemeinde Land Hadeln) das damals hochdefizitäre Krankenhaus in Otterndorf samt dem dazugehörigen MVZ aus der Insolvenz geholt, den Rettungsdienst in Kreis-Regie geholt und in Nordholz das erste RVZ (Regionales Versorgungszentrum) etabliert. Ein weiteres Ziel sei nun die landkreisweite Etablierung weiterer RVZ, um dort mit attraktiven Rahmenbedingungen die haus- und fachärztliche Versorgung langfristig sicherzustellen, zumal die Förderkulisse dafür zurzeit günstig sei. Der Kreis sei mit diesen Bestrebungen führend in Niedersachsen.
Irgendwann auch RVZ in Cuxhaven möglich
Rund 1,2 Millionen Landesmittel sind dem Kreis bereits für zwei neue RVZ in Spaden (für den Bereich Schiffdorf) und Beverstedt zugesprochen worden. In Hagen werde ein RVZ in Kooperation mit dort Niedergelassenen angepeilt und in drei oder vier Jahren könne auch in der Stadt eine RVZ-Gründung zum Thema werden.

Nach zwischenzeitlichen Turbulenzen habe das RVZ Nordholz wieder alle vier Hausarzt-Sitze besetzt und erhalte sogar weitere Bewerbungen. Die Ausstrahlung sei enorm und habe Ansiedlungen wie die der großen Kinderarztpraxis sowie einer Kinder- und Jugendpsychologin gefördert, so Ottens. Mit der beabsichtigten Verlagerung eines orthopädischen Sitzes aus Cuxhaven nach Nordholz werde die Versorgung in diesem Teil des Kreises verbessert. Die Umstrukturierung sei mit manch bitterer Pille verbunden, müsse allerdings mit dem Blick auf die Zukunft betrachtet werden.
Dr. Benjamin Junge, Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes, legt Wert auf die Feststellung, dass mit der MVZ-Verlagerung kein Kassensitz verloren gehe. Eine Vorschrift, in welcher Fahrzeit eine Haus- oder Facharztpraxis zu erreichen sein muss, gebe es nicht. "Jeder hat irgendwann eine weite Strecke spätestens zum Facharzt zurückzulegen. Aus den meisten Ortschaften im Landkreis Cuxhaven sind die Fahrzeiten zum Facharzt länger als zehn Minuten. Die Verlängerung einer Strecke um 20 Kilometer ist nicht gravierend, sondern eher ein Komfortproblem. Viel wichtiger ist die ambulante Versorgung der Menschen, die generell ihre Häuslichkeit nicht verlassen können", sagt er.
Lage im Süden noch schlechter
Mit einem Verweis auf die Zahlen möchte er die in Cuxhaven entstandene Verzweiflung relativieren. Außer in Lamstedt und Hemmoor (mit einem Versorgungsgrad von über 100 Prozent) seien überall im Kreis Hausarztsitze unbesetzt, am stärksten jedoch im Süden (Bremerhaven und Umland) mit 13 unbesetzten Stellen und einer Versorgungsquote von 71,3 Prozent.
ln den sogenannten Hausärztlichen Planungsbereichen (HBV) bilde die Stadt Cuxhaven mit der Stadt Otterndorf und den Orten Ihlienworth, Neuenkirchen, Nordleda, Odisheim, Osterbruch, Steinau und Wanna eine Einheit. Hier betrage der Versorgungsgrad mit 39,5 besetzten Sitzen 95,4 Prozent; 6,5 Sitze könnten noch besetzt werden. Im HBV Bremerhaven-Nord (Geestland und Wuster Nordseeküste) liege die Quote bei 84,5 Prozent (vor der RVZ-Gründung noch rund 70 Prozent). Nach Auffassung des Kreises erübrigt sich ein Antrag an den Zulassungsausschuss der Kassenärztlichen Vereinigung Stade, da es sich lediglich um einen Umzug innerhalb des Versorgungsbereichs handle.
Bei den Chirurgen und Orthopäden werde der gesamte Kreis Cuxhaven als ein Planungsbereich betrachtet. Hier sei die Versorgung mit 16 Ärzten und einem Versorgungsgrad von 133,9 Prozent sehr hoch. Noch größer ist der Planungsbereich bei den Fachinternisten (unter anderem Gastroenterologie), in dem die Landkreise Cuxhaven und Wesermarsch gemeinsam betrachtet werden und mit 22 Ärztinnen und Ärzten (davon 3,5 Gastroenterologen) eine Quote von 107,5 Prozent errechnet worden ist.
Termine werden vergeben
Der Landkreis beantwortete unterdessen auch weitere Nachfragen der Redaktion. Demnach soll allen im MVZ angestellten Ärzten freigestellt worden sein, sich selbst ohne MVZ-Struktur (also nicht mehr als angestellter Arzt) in Cuxhaven niederzulassen. Die seit einigen Monaten beobachtete verzögerte Rechnungsstellung des MVZ an Privatpatienten bestätigte der Kreis. Die Abrechnung werde gerade durch eine Langzeiterkrankung zentral im Krankenhaus gebündelt. Dadurch komme es zu Verzögerungen in der Privatabrechnung, es ergebe sich aber kein verzerrtes Bild aus der Erlösseite. Zu Kündigungen sei es aufgrund des Einschaltens einer Beraterfirma noch nicht gekommen, hieß es. Die Terminvergabe für Patienten des MVZ laufe aktuell weiter, auch über den 1. April 2027 hinaus.
Protest auf verschiedenen Wegen äußern
Die Enttäuschung und die Zukunftssorgen sind unterdessen bei vielen Betroffenen nicht geschwunden. Sabine Adameit, die eine Petition auf dem Portal "Change.org" (1860 Unterschriften am Donnerstag) auf den Weg gebracht hat, hat nun auch neben dem Whatsapp-Kanal "MVZ Rohdestraße muss bleiben!" eine Facebook-Gruppe ("Cuxhaven Das MVZ Rohdestraße muss bleiben!") gegründet.
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