Tödliche Schüsse in Stade: Diese Fragen sind auch nach drei Monaten noch offen
Sechs Tote, offene Fragen: Drei Monate nach den tödlichen Schüssen in Stade haben die Ermittler erste Antworten. Doch zentrale Punkte sind weiterhin ungeklärt: das genaue Motiv, die Rolle zweier Frauen und mögliche Versäumnisse vor und nach der Tat.
Drei Monate nach den tödlichen Schüssen in der Mutter-Kind-Einrichtung in Stade herrscht Fassungslosigkeit: Warum verloren sechs Menschen am 29. Juni ihr Leben? Der Schütze Fatih G. starb wenig später in Untersuchungshaft. Für die Angehörigen bleiben deshalb nicht nur Trauer, sondern auch viele Fragen. Was inzwischen geklärt ist - und was nicht:
Was geschah am 29. Juni in Stade?
An dem Tag ist Fatih G. zu einem Gespräch eingeladen - und nimmt eine Waffe mit. Es fallen mehrere Schüsse. Fünf Menschen sterben am Tatort, ein sechstes Opfer später im Krankenhaus.
Nach der Tat steigt der Mann als Beifahrer in ein Auto und ergreift die Flucht. Die Polizei verfolgt den Wagen und feuert Schüsse ab. Sie nehmen den Schützen und die Fahrerin fest.
Was ist über die Toten bekannt?
Vier Frauen und zwei Männer kamen durch die Schüsse ums Leben. Drei Opfer arbeiteten in der Einrichtung. Bei den anderen handelte es sich um Beschäftigte des Jugendamts der Region Hannover, die nur für das Gespräch nach Stade gefahren waren.
Ein Schicksal bewegt viele besonders: Eine 32-jährige Mitarbeiterin des Jugendamts hinterlässt zwei Kinder im Alter von drei und vier Jahren. Sie hatten wenige Wochen zuvor erst ihren Vater verloren. Zahlreiche Menschen beteiligten sich an einer Spendenaktion für die Waisen, mehr als 816.000 Euro kamen bislang zusammen.
Welches Motiv hatte der Täter?
Die Ermittler gehen von einem Streit um das Sorgerecht für die Tochter aus. Das war und ist jedoch eine Hypothese, kein gerichtlich festgestelltes Motiv. Die Staatsanwaltschaft Stade verweist auf die Ermittlungen und gibt nach wie vor keine Einzelheiten zu möglichen Beweggründen, Planungen oder Einlassungen preis.
Den Eltern war das Sorgerecht entzogen worden, weil ihr drei Monate altes Baby eine Hirnblutung hatte. Ärzte vermuten ein Schütteltrauma. Ein Gericht entschied daraufhin, dass die Mutter mit ihrem Kind in der Stader Einrichtung leben soll. Beide Eltern gingen juristisch dagegen vor.
Die Staatsanwaltschaft Hannover beauftragte inzwischen einen Gutachter, um mehr zur Ursache der Hirnblutung herauszufinden. Das Ergebnis könnte Mitte Oktober vorliegen. Sollte es Hinweise auf eine Misshandlung geben, droht der Mutter eine Anklage oder ein Haftbefehl. Das Kind lebt seit der Tat getrennt von der Mutter.
Was ist mit dem mutmaßlichen Schützen geschehen?
Der 45-Jährige kam nach seiner Festnahme in Untersuchungshaft. Drei Wochen später fand ihn ein Mitarbeiter der Justizvollzugsanstalt Bremervörde tot in seiner Zelle. Die Ermittler kamen zu dem Schluss, dass er sich selbst das Leben genommen hat. Eine Obduktion bestätigt das, dennoch dauern laut Staatsanwaltschaft "langwierigere Untersuchungen an, um eine weitere Todesursache unter jedem Gesichtspunkt vollständig ausschließen zu können."
Vor seinem Tod stand der Mann unter besonderer Beobachtung. Die Sicherungsmaßnahmen wurden schrittweise gelockert und einen Tag vor seinem Tod aufgehoben. Angehörige fordern, mögliche Versäumnisse aufzuarbeiten. Das Justizministerium erklärte im September, dass es keine Hinweise für Fehler gebe.
Was bedeutet sein Tod für die Ermittlungen?
Die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen gegen den 45-Jährigen wegen sechsfachen Mordes ein. Gegen Tote kann in Deutschland kein Verfahren geführt werden. Den Angehörigen fehlt damit die Möglichkeit, dem mutmaßlichen Schützen vor Gericht gegenüberzutreten. Die unbeantwortete Frage nach dem Warum sei eine zusätzliche Belastung, sagte ein Anwalt einer hinterbliebenen Familie.
Wer steht noch im Visier der Ermittler?
Die Staatsanwaltschaft prüft, welche Rolle die Partnerin des Schützen und Mutter des gemeinsamen Kindes spielte. War sie eingeweiht, vielleicht sogar direkt an den Planungen beteiligt? Unklar ist auch, was die Fahrerin des Fluchtwagens von der Tat wusste.
Die Ermittler äußern sich nicht dazu. Das Verfahren gegen die beiden Frauen sei noch nicht abgeschlossen. "Zur Frage, wann und wie dies der Fall sein wird, kann ich keine belastbare Antwort geben", teilte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft mit. Das sei bei solchen Ermittlungen schwer zu prognostizieren.
Eine andere Spur führt nach Berlin, dort nahmen Spezialkräfte einen 49-Jährigen fest. Er steht unter dem Verdacht, dem Schützen die Tatwaffe verkauft zu haben. Der Mann sitzt in Untersuchungshaft.
Welche Konsequenzen werden nach der Tat gezogen?
In Stade und bundesweit ziehen Jugendhilfeträger Konsequenzen aus dem Fall. Keiner wolle übertreiben, aber der Schutz der Mitarbeiter sei sehr wichtig, sagt Sozialdezernentin Susanne Brahmst. Wie er gewährleistet werden kann, war unter anderem Thema in der Landesarbeitsgemeinschaft der niedersächsischen Jugendämter.
Auch drei Mitarbeiter des Jugendamts der Region Hannover waren unter den Opfern der Bluttat. In einem Pilotprojekt sollen dort Notfalluhren beschafft werden, auch Alarmsysteme sind geplant. Vorgesehen ist der Einsatz insbesondere bei Mitarbeitenden im Außendienst und dort, wo sie potenziell gefährdenden Situationen ausgesetzt sein können. Im Einzelfall sollen Beschäftigte Schutzwesten überziehen.
Im Stader Jugendamt gibt es einen Sicherheitsdienst. Im Bedrohungs- oder Konfliktfall können Mitarbeiter einen Notruf oder Hausalarm an den Arbeitsplätzen absetzen. Es gibt Gefährdungsbeurteilungen für Arbeitsplätze. Der Einsatz von weiterem Sicherheitspersonal und bauliche Maßnahmen werden geprüft.
Von Mirjam Uhrich und dpa
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