Das Windpark-Projekt in Osten hat Fahrt aufgenommen. Foto: dpa
Das Windpark-Projekt in Osten hat Fahrt aufgenommen. Foto: dpa
Windkraft

"An Peinlichkeit kaum zu überbieten": Kommentar zu Windpark-Projekt in Osten

von Egbert Schröder | 28.08.2024

Einen Vertrauensverlust, der die finanziellen Vorteile nicht aufwiegen kann, sieht NEZ/CN-Redakteur Egbert Schröder bei der Handhabe mit dem Windkraft-Projekt in Osten. Ein Kommentar.

Das Schauspiel war an Peinlichkeit kaum zu überbieten. Auf Biegen und Brechen und möglichst ohne kritische Stimmen aus der Bevölkerung wollte der Ostener Rat - bis kurz vor Sitzungsbeginn - einem Windprojektierer quasi einen Freifahrtschein der Kommune ausstellen, um sein Projekt an höherer Stelle durchzudrücken und an der Oste Windräder jenseits der Höhe von 200 Metern aufstellen zu können. Was hat die Politiker um ihren Bürgermeister Carsten Hubert dabei eigentlich geritten?

Ein Erklärungsversuch: Der Blick in die Gemeindekasse wird den Ausschlag gegeben haben. Die Aussicht, dass das Vorhaben nach jahrelangem Planungs- und Genehmigungsverfahren durch die sogenannte "Akzeptanzabgabe" vielleicht fünf- oder sechsstellige Beträge pro Jahr für die Gemeinde abwirft, hat vor lauter Dollarzeichen in den Augen den Blick auf das Wesentliche blockiert. Natürlich ist es verlockend, dass eine notorisch klamme Kommune langfristig wieder mehr Handlungsspielräume erhält. Aber geht die Rechnung auf, wenn man als Gegenleistung das Vertrauen der Bevölkerung verspielt? Nein, geht sie nicht. Dieser Preis ist zu hoch.

Doch genau auf diesem Weg befindet (oder befand?) sich der Rat. Zu Bürgermeister Carsten Hubert scheint dies noch nicht durchgedrungen zu sein. Es mutet schon ebenso waghalsig wie durchsichtig an, das gewählte Verfahren mit dem Hinweis zu verteidigen, dass man sich ja auf der (privaten) "Windmesse" im Mai über das Ostener Windparkprojekt informieren konnte. Da hätte doch jeder Interessierte etwas zum Windpark in Erfahrung bringen können: "Es ist kein Geheimnis, was der Projektierer vorhat", sagt Hubert.

Autor Egbert Schröder hat eine klare Meinung zum Ablauf mit dem Windpark-Projekt. Foto: red

Da irrt sich der erfahrene Bürgermeister aber gewaltig. Der Ball liegt im Feld der Gemeinde und nicht bei den Bürgern: Wann gab es denn eine öffentliche Präsentation in einem Ratsgremium oder gar eine offizielle Info-Veranstaltung der Gemeinde für die Bevölkerung? Die Antwort ist einfach: Die gab es nicht. Und was eine Firma an ihrem Messestand so mit einzelnen Besuchern plaudert, ist bei einem geordneten Verfahren völlig belanglos. Es ist eine Bringschuld der Gemeinde, einen solchen Planungsprozess transparent und ergebnisoffen zu begleiten und sich nicht bereits vorab auf die Seite der Investoren zu schlagen. Zu dieser Transparenz zählt auch die Einbindung und Information der Bevölkerung, wenn man glaubwürdig bleiben will.

Dass der Rat mit seinem ebenso unüberlegten wie unnötigen Vorstoß als Tiger gesprungen und als Bettvorleger gelandet ist, müsste eigentlich klar sein. Sinnlos ist die Vorgehensweise außerdem. Auf Kreisebene werden Politik und Verwaltung nicht noch einmal den Fehler begehen und bei der (aktuell laufenden) Aufstellung eines Raumordnungsprogrammes für Windparkstandorte auf lokale Befindlichkeiten Rücksicht nehmen. Beim letzten Mal war es die Ostener Schwebefähre, die als Argument gegen einen Windpark herhalten musste.

Diesmal ist es nicht zuletzt der Hinweis auf die "Energiewende", auf die sich der Rat eigentlich berufen wollte, um auf einmal einen Windpark durchzudrücken. Eine erneute Schlappe vor dem Oberverwaltungsgericht in Lüneburg wird der Kreis aber nicht riskieren. Da kann der Wunschzettel des Ostener Rates noch so lang sein.

Wie hat Ihnen der Artikel gefallen?

(1 Stern: Nicht gut | 5 Sterne: Sehr gut)

Feedback senden

CNV-Nachrichten-Newsletter

Hier können Sie sich für unseren CNV-Newsletter mit den aktuellen und wichtigsten Nachrichten aus der Stadt und dem Landkreis Cuxhaven anmelden.

Die wichtigsten Meldungen aktuell


Bild von Egbert Schröder
Egbert Schröder

Redakteur
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

eschroeder@no-spamcuxonline.de

Lesen Sie auch...
Kontroverse Debatte

Café Brüning: Mehr Theater als Transparenz im Stadtrat Otterndorf (Kommentar)

von Christian Mangels

Die Diskussion im Otterndorfer Stadtrat über die Kosten im Rechtsstreit "Café Brüning" wirkt weniger wie nüchterne Aufarbeitung als wie beginnender Wahlkampf, findet NEZ/CN-Redakteur Jens-Christian Mangels. Ein Kommentar.

Lebensmittelsicherheit

Verdacht gegen Döhler in Neuenkirchen: Vertrauen steht auf dem Prüfstand (Kommentar)

von Christian Mangels

Ein Verdacht gegen die Firma Döhler erschüttert das Vertrauen in die Lebensmittelsicherheit: CN/NEZ-Redakteur Jens-Christian Mangels kommentiert die möglichen Risiken durch unzureichend gereinigte Tanklaster und fordert schnelle Aufklärung.

Mögliche Wiederbelebung der Kaserne

"Bräuchte große Portion Idealismus": Kommentar zur Altenwalder Kasernen-Reaktivierung

von Maren Reese-Winne

Die mögliche Wiederbelebung des Bundeswehrstandorts Altenwalde sorgt für Diskussionen. Die Kaserne im Cuxhavener Stadtteil könnte reaktiviert werden. Ein Kommentar zur derzeitigen Situation.

Abberufung im Kreis Cuxhaven

Klare Kante gegen Rechtsextreme: Man sollte Dezernent Ottens dankbar sein (Kommentar)

von Egbert Schröder

Friedhelm Ottens ist als stellvertretender Kreiswahlleiter abberufen worden. Das ist formal völlig in Ordnung, aber man sollte ihm dankbar für seine Worte über Rechtsextreme sein, findet NEZ/CN-Redakteur Egbert Schröder.