"Früher für Quatsch gehalten": Börde Lamstedt in Sorge nach Wolf-Hetzjagd auf Schafe
Der Wolfsangriff in der Börde Lamstedt (Kreis Cuxhaven) versetzt die ländliche Region in Aufruhr: 20 tote Schafe zwischen Stinstedt und Mittelstenahe, verletzte Tiere und - Sorgen um die Sicherheit.
Die Wolfsattacke bleibt beherrschendes Thema - und zwar in der gesamten Börde Lamstedt, weiß der Stinstedter Jagdvorsteher Ralf Robohm. Nach einer kilometerlangen nächtlichen Hetzjagd von rund 100 Schafen von Stinstedt bis in die Dorfmitte von Mittelstenahe beklagt Schäfer Frank Mählmann 20 tote und zwölf verletzte Mutterschafe.
cnv-medien.de hatten als erste berichtet. Danach sind die beiden Dörfer in der Börde durch diese Attacke bundesweit in den medialen Fokus gerückt. RTL war im Dorf ebenso wie Non-Stop-News. Etliche Zeitungen und Portale vermeldeten diese neue Stufe von Nutztierrissen - von seriös bis Boulevard.
"Stimmung ist auf dem Tiefpunkt"
Der Stinstedter Bürgermeister Klaus Steffens hat selbst vor anderthalb Jahren als Pferdehalter leidvolle Erfahrungen mit dem Wolf machen müssen. Und auch dieser neueste Herdenangriff mache etwas mit der Bevölkerung. "Die Stimmung ist auf dem Tiefpunkt", sagt Steffens gegenüber cnv-medien.de. "Man mag bald schon die Kinder nicht mehr rauslassen. Die Wölfe kommen bis an die Höfe". Von der Politik ist er "maßlos enttäuscht". Alle würden nun darauf warten, ob die Politik tätig werde.

Steffens findet: "Dass der Wolf sich ungebremst vermehren darf, ist doch auch dem Wolf gegenüber nicht fair. Es liegt doch in seiner Natur, dass er Hunger hat." Er spricht sich klar für eine Regulierung aus. Denn die Tiere hätten gelernt, sich Haustiere als Beute zu nehmen. Das sei einfacher, als ein Reh oder Wildschwein zu greifen. Und die Weideschutzzäune nennt er "reine Augenwischerei, der Wolf ist schlau und weiß, damit umzugehen".

Für sachliche Auseinandersetzung
"Früher habe ich das für Quatsch gehalten, aber jetzt kann ich verstehen, dass die meisten Eltern ihre Kinder zur Bushaltestelle bringen", sagt Jörg Offermann. Als Vater zweier Kinder weiß er, dass der Wolfsangriff auf die Schafherde nicht nur in der Elternschaft diskutiert wird, sondern auch bei den Kindern zu Hause und im Schulbus Thema ist. "Im Dorf herrscht Entsetzen", weiß der Landwirt, auf dessen Winterweide in Stinstedt die betroffene Herde stand. "Wir fahren jetzt jede Nacht mehrmals dorthin und sehen nach den Tieren. Aber das können wir doch auf Dauer gar nicht leisten …"
"Hier in Stinstedt merkt man es sofort, wenn sich Wölfe in der Region aufhalten", erklärt Jagdvorsteher Robohm gegenüber der NEZ/CN-Redaktion. Normalerweise laufe das Rehwild im Hochmoor Naturschutzgebiet Reede. Sind aber Wölfe unterwegs, ziehe es die Rehe auf die Wiesen. "Das Wild sucht gezielt Freiflächen auf, wo es weit schauen kann." 20 bis 25 Rehe seien dann auf den Grünflächen zu beobachten.

Robohm ist kein Scharfmacher. Er betrachtet das Wildtier Wolf sachlich und plädiert für eine nüchterne, differenzierte Betrachtungsweise sowie den Austausch von Argumenten. Er weiß sehr wohl, dass gerade bei Zusammenkünften die Thematik schnell hochkocht und ins Emotionale und eigentlich Unsagbare abgleiten kann. Und er nimmt die Ängste und Bedenken wahr. Können die Kinder mit ihren kleinen Rädern noch sorglos in die Feldmark fahren? Wie sieht es mit einem Ausflug von Kindergartenkindern ins Naturschutzgebiet aus? Das seien Sorgen, die die Menschen umtreiben.

"Wir werden mit dem Wolf leben müssen." Es gehe nicht um Ausrottung, so Robohm. Aber er spricht sich angesichts einer wachsenden Population für eine Regulierung über die Jagd aus sowie für deutliche Abschreckungsmaßnahmen. Die Wölfe sollten nicht mehr - wie jetzt - die Nähe des Menschen und dessen Siedlungen suchen: "Wir müssen den Wolf so erziehen, dass er Angst vor uns Zweibeinern hat." Man könne dabei auch von anderen Ländern lernen, sagt Robohm.
Aus seiner Sicht sind nicht einzelne Wölfe das Problem, sondern wachsende Rudel im Cuxland und die erhebliche Zunahme von Nutztierrissen. Der Jagdvorsteher kennt die Enttäuschung der ländlichen Bevölkerung, die sich bei dem Thema allein gelassen fühlt. "Wir möchten nicht veräppelt werden", sagt er in Richtung Umweltministerium und bezweifelt eine reale Wirksamkeit von erteilten Abschussausnahmegenehmigungen sogenannter Problemwölfe.