Günther Ehlen zeigt auf die Stellen im Flur, an denen sich das Wasser immer weiter den Weg bahnt. Foto: Reese-Winne
Günther Ehlen zeigt auf die Stellen im Flur, an denen sich das Wasser immer weiter den Weg bahnt. Foto: Reese-Winne
Schaden wird ignoriert

Alpha-Real-Estate-Mieter: Schimmel erobert Wohnung eines Cuxhavener Ehepaares

von Maren Reese-Winne | 09.04.2024

"Hier sollte niemand mehr wohnen", dieser Gedanke befällt Betrachter in der Wohnung eines Cuxhavener Ehepaars in dem Hochhaus der Alpha Real Estate in Süderwisch. Hier ist live zu sehen, wie ein unbekämpfter Wasserschaden Bausubstanz zerstört.

Wer sich in der Wohnung von Günther und Angelika Ehlen im John-Brinckman-Weg 5 aufhält, merkt schon nach kurzer Zeit, wie Atemwege und Augen zu brennen beginnen. Die Eheleute haben ihr Leben fast komplett ins Wohnzimmer verlegt. Die übrigen Zimmer - Flur, Küche, Schlafzimmer - sind belegt durch Schimmel. Seit Mai 2023 wird es immer mehr. Ihre Vermieterin, die Alpha Real Estate, reagiert nicht. Unterdessen wurde bekannt, dass die insolvente Firma jetzt einen Dienstleister mit dem Verkauf von 1350 Wohnungen in Deutschland beauftragt hat. Darunter ist auch der gesamte Bestand in Cuxhaven. 

Hier dürften keine Menschen mehr wohnen, aber die Mail und Anrufe der Eheleute verhallten ungehört. Foto: Reese-Winne

Immer die gleiche Leier: "Wir geben das weiter"

"Hätte man das sofort repariert, wäre dies nie passiert", sagt Angelika Ehlen. Bei unzähligen Anrufen hat Günther Ehlen immer nur das eine gehört: "Wir geben das weiter." Wenn überhaupt noch jemand ran ging: "Inzwischen habe sie uns anscheinend blockiert." Auch unzählige E-Mails liefen scheinbar ins Nirwana. 

Seit 2020 leben die beiden in Süderwisch, entflohen aus der Großstadt Hamburg auf der Suche nach Ruhe und guter Luft für den schwer an Asthma erkrankten Ehemann. "Wir haben gehört, dass das hier mal eine gute Wohngegend war."

In den Rissen an der mürbe aussehenden Flurdecke glitzern Wassertropfen, die unentwegt in die bereitgestellten Eimer fallen. Foto: Reese-Winne

Wohnung wurde noch begangen und fotografiert

Als Ende 2022 der Verkauf an die Alpha Real Estate bekannt wurde, seien sie im Ungewissen gelassen worden. "Im April 2023 waren noch Leute hier, haben sich Wohnungen angesehen, auch unsere, und Fotos gemacht." Um Käufern Appetit zu machen? Einige Wohnungen im Haus sollen jedenfalls verkauft worden sein.

Das Elend begann im Mai 2023. "Angefangen hat es bei der über 90-jährigen Nachbarin in der Wohnung. Dort lief das Wasser aus der Wand." Plötzlich kam auch bei ihnen Wasser aus dem Spülbecken hoch. Ursache war offenkundig das Fallrohr, das das Abwasser aus allen Etagen aufnimmt. Während der Schaden seinen Lauf nahm, schrieb Günther Ehlen eine Mail nach der anderen - nichts passierte.

Kurzschluss durch nasse Stromleitungen

Im Oktober/November 2023 eskalierte die Situation: "Plötzlich hatten wir Wasser im Flur, die Tapeten  fielen runter. Dann fiel auch noch der Strom in Küche, Flur, Toilette und Bad aus." Die Eheleute schoben den Kühlschrank von Zimmer zu Zimmer und behalfen sich vier Tage lang mit Taschenlampen, bevor es dem Mieter gelang, provisorisch den Küchen-Lichtschalter abzuklemmen.

Vom kaputten Fallrohr in der Küche ist alles ausgegangen. Foto: Reese-Winne

Die nassen Leitungen in der Küche sind noch nicht mal das schlimmste Problem: Von der Schmucktapete sind nur noch Fetzen übrig, die nackten Wände sind mit schwarzem und gelblichem Schimmel überzogen, obwohl Günther Ehlers gerade wieder versucht hat, den Sporen zu Leibe zu rücken. Das Ganze wiederholt sich im Flur und Schlafzimmer; im Gästezimmer und nun auch im Wohnzimmer sind erste Spuren zu entdecken.

Günther Ehlen mit provisorischer Schutzausstattung beim Kampf gegen den Schimmel. Foto: privat

Kinder dürfen nicht mehr zu Besuch kommen und längere Ausflüge fallen aus

Kinder dürfen zu ihrem Schutz nicht mehr zu Besuch kommen. Außer zum Einkaufen traut sich das Rentnerpaar kaum noch aus dem Haus: "Eine Stunde", sagen die, "länger können wir das hier nicht allein lassen." Bedrohlich wirken die Risse in der Decke des Flurs, in denen Wassertropfen glitzern. Drei Eimer sind darunter aufgereiht. "Unsere Tropfsteinhöhle." So jedenfalls fühlt sich Angelika Ehlen nachts, wenn sie jeden Tropfen hört.

In den Rissen an der mürbe aussehenden Flurdecke glitzern Wassertropfen, die unentwegt in die bereitgestellten Eimer fallen. Foto: Reese-Winne

Auf jede Beteuerung "wir kümmern uns darum" folgte wieder nichts. Zwei zur Kanaluntersuchung und zum Einschätzen des Schadens beauftragte Firmen bekamen keine Reparaturaufträge.

Gerichtstermin geplatzt: Kommt jetzt die Regelinsolvenz?

Von der angekündigten und umgesetzten Mietkürzung ließ sich Alpha Real Estate nicht beeindrucken. Der nächste Weg führte zum Anwalt. Doch der für Dienstag, 9. April, angesetzte Termin beim Amtsgericht Cuxhaven, der den rechtlichen Rahmen für die Mietkürzung absichern sollte (einen solchen Prozess hatte es schon im Januar für die Nachbarwohnung gegeben), platzte Ende März kurzfristig - offenbar, weil das Insolvenzverfahren auf eine neue Phase zusteuert. Womöglich die Regelinsolvenz? Auf Anraten des Anwalts hat das Paar inzwischen jegliche Mietzahlung eingestellt.

So schnell wie möglich wollen die Eheleute, die vor einigen Tagen einem ARD-Reporter ihre Wohnung gezeigt haben, dem Beispiel der Nachbarn über ihnen folgen und ausziehen: "Dort sah es noch schlimmer aus. Die Wohnung schwimmt. Mit den Küchenmöbeln war nichts mehr anzufangen", erzählt Günter Ehlen. Die Nachbarn seien nachts aufgestanden, um die Eimer zu leeren, obwohl sie morgens pünktlich bei der Arbeit und in der Schule erscheinen mussten.

Auf dem Weg zu den Mülltonnen muss um das immer großer werdende Loch herumbalanciert werden. Foto: Reese-Winne

Seine Frau und er versuchen es jetzt über die Siedlungsgenossenschaft und die Wohnstätten. Ein Problem seien die Wohnungsgrößen: 75 Quadratmeter und drei Zimmer stünden ihnen als Zwei-Personen-Haushalt nicht zu. Auf eine ordentliche Wohnungsübergabe beim Auszug hoffen sie nicht und von den "normalen" Misständen reden sie schon gar nicht mehr: Weder werde das Treppenhaus gereinigt noch das Loch im Pflaster auf dem Weg zum Müllplatz beseitigt: "So etwas haben wir noch nie erlebt, dafür mussten wir nach Cuxhaven ziehen."

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Maren Reese-Winne

Redakteurin
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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