Einmal zollfrei einkaufen und zurück: Die große Zeit der Butterfahrten in Cuxhaven
Der Vorgang hätte kurioser nicht sein können: Man nimmt tonnenweise Butter, Käse, Zigaretten und Süßigkeiten an Bord und dazu eine Ladung Fahrgäste, schippert einmal bis zur Kugelbake und schon kann der Großeinkauf zollfreier Waren beginnen.
Das Phänomen "Butterfahrten" war rund 40 Jahre lang - bis zum Ende im Jahr 1999 - eine Riesen-Attraktion an Nord- und Ostsee.
Bis zu 2500 Fahrgäste gingen in Cuxhaven täglich an Bord
Auch von Cuxhaven aus ging eine ganze Flotte auf Butterfahrt. Zu den Akteuren gehörten Bruno und Christian Detzkeit mit der "Jan Cux"-Flotte, die Reeder Wolfgang Potratz, Adolf Lösch und Peter Ahlf sowie Cassen Eils. Bei jeder Abfahrt schrillten die Bordglocken, um den Fahrgästen Beine zu machen. Bis zu 2500 "Butterfahrer" täglich wurden hier während der Saison gezählt.
Manchmal sogar ein SB-Supermarkt an Bord
Eingekauft werden konnte an kleinen Kiosk-Tresen ebenso wie mit Einkaufskörben im SB-Supermarkt. Das ging so lange gut, bis die EU, damals noch Europäische Gemeinschaft (EG), Einspruch erhob. Die Bundesregierung musste die "Zoll- und Abschöpfungsfreiheit" stoppen. 1985 war das Ende der "Kurz-Butterfahrten" besiegelt. Ab dem 20. September 1999 waren alle Butterfahrten mit zollfreiem Einkauf verboten.
Große Butterkartons in den Einkaufstüten
Geblieben ist die Erinnerung an einen Begriff, bei dessen Klang Jäger- und Sammler-Stimmung aufkommt, an Ausflugstouren mit Oma und Opa und an den salzigen Geschmack der Lakritzbonbons, die es nur dort gab. Die Erwachsenen trugen neben großen Butterkartons Flaschen mit der Aufschrift "Kirsberry" oder "Solberry" nach Hause, dänische Likörspezialitäten, die als Krönung einen kleinen Messing-Kelch trugen.
Für viele Alte war die Butterfahrt ein Ritual
Die gesellschaftliche Bedeutung der Fahrten war nicht unerheblich. Insbesondere Alte trafen sich nicht selten täglich (oder gar mehrfach am Tag) an Bord, bezahlten eine Mark, nahmen ihre Stammplätze ein und holten die Spielkarten raus. Vereine oder Gruppen tagten auf den Butterschiffen.
Dazu flossen Rum, Kirsberry oder ein Drink namens "Eisbrecher": Rum mit Kirsberry. Cola war teurer. Über die Rolle der Butterfahrten entstand sogar eine 300-seitige Doktorarbeit mit dem Titel "Und die Wellen, die kennen wir ja schon beim Namen" (Karin Szadkowski: "Butterfahrten. Ein volkskundlicher Beitrag zur Altenkulturforschung").
Thema in der Politik: Die damalige EG hatte etwas dagegen
Mit der Romantik hatten die Politiker und erst recht die Betroffenen allerdings nichts am Hut, als die Butterfahrten infrage gestellt wurden. "Nach Auskunft der Hafenämter Cuxhaven, Brake, Wilhelmshaven, Emden und Emden/Außenstelle Norden waren im niedersächsischen Küstenbereich 1983 bis zu 24 Schiffe für Kurz- und Stichfahrten in die Nordsee im Einsatz", informierte die damalige niedersächsische Wirtschaftsministerin Brigit Breuel (später Treuhand-Chefin) 1984 die Abgeordneten des Landtags.
Versorgungsengpass bei Waren des täglichen Bedarfs nicht befürchtet
Es gehe dabei um 220 bis 240 Beschäftigte plus die Arbeitsplätze bei Reiseveranstaltern und Fremdenverkehrsbetrieben sowie bei Ausrüstern, Werften und dergleichen. Die Landesregierung könne durch das Ende der Butterfahrten allerdings keinen Versorgungsengpass für Waren des täglichen Bedarfs erkennen. Vielmehr seien höhere Umsätze für den Einzelhandel zu erwarten und damit eine wirtschaftliche Stärkung. Und die Schiffahrtsunternehmen hätten bereits zusätzliche Erwerbsquellen erschlossen, um die einseitige Abhängigkeit von den Einkaufsfahrten zu reduzieren...
Große zollfreie Ration hinter Helgoland
Erinnerungen an diese wilde Zeit hat Kapitän Christian Detzkeit ("Jan Cux II") unserem Medienhaus 2016 für die Reihe "200 Jahre Seebad Cuxhaven" geschildert. Mit seinem Vater Bruno baute er in den 70er-Jahren einen Fischkutter um, der danach als "Jan Cux" mit Hochseeangelfahrten in See stach; ein Riesengeschäft, denn das Attraktive war nicht unbedingt der Fisch: Durch die Runde um Helgoland durfte aber die "große zollfreie Ration" verkauft werden. Das lohnte sich, sodass die Familie voll in das Geschäft mit Angel- und Butterfahrten einstieg.
Voraussetzung für den zollfreien Verkauf: Die Waren mussten "frei gefahren" werden. Zeitweilig erfüllte bereits ein Abstecher an die Kugelbake diese Voraussetzung. Dafür durften dann die Einkaufskörbe mit Zigarettenschachteln, Käse, Butter, Putenkeulen oder sogar Monchichi-Puppen gefüllt werden. Die "kleine Ration" umfasste zu der Zeit je ein Kilo Butter, Käse und Fleisch, 40 Zigaretten und zwei Liter Sekt oder Wein.
Ein Kilo Butter kam für
2,50 DM unter die Leute
Zweimal in der Woche fuhr der Schiffsgroßhändler mit dem Lkw vor und brachte tonnenweise Butter. Und das nicht nur für die "Jan Cux"-Flotte: Mindestens sieben, acht Schiffe lieferten sich einen Kampf um die Passagiere. Christian Detzkeit beschreibt einen richtigen "Butterkrieg": "Da kostete ein Kilo Butter 2,50 Mark, Wahnsinn!"
Die große Ration winkte bei der achtstündigen Reise mit mindestens zwei Stunden außerhalb der deutschen Hoheitsgewässer; vor allem durfte nur dabei auch härterer Alkohol (ein Liter Schnaps, dazu 200 Zigaretten, zwei Liter Wein, Kaffee, Tee und Parfüm) verkauft werden. Der Fahrpreis war zweitrangig. "Wir haben rein vom Verkauf gelebt", so Detzkeit. Aus ganz Deutschland kamen die Schnäppchenjäger.
"Merkwürdigerweise hat jeder profitiert!", heißt es in einem Internetforum: "Die Anbieter, die Busgesellschaften, die Reedereien - nur der Staat bekam nicht allzu viel von dem Kuchen ab."
Ende mit Schlagermusik
und Freibier
Am 30. September 1985 war in Cuxhaven Schluss mit den Butterfahrten. Bei Schlagermusik, Freibier und Bratwurst deckten sich die Massen noch ein letztes Mal ein. Kapitän Christian Detzkeit fuhr trotzig bis 24 Uhr. Butterfahrt-Fans stellten fest: "Die Anziehungskraft Cuxhavens ist vorbei."
Am nächsten Tag versammelten sich einige der nun arbeitslosen Seeleute zu einer Demo auf der "Jan Cux II". Die Mehrzahl der Cuxhavener Reeder sehe einer ungewissen und düsteren Zukunft entgegen, hieß es in den CN.
Plötzlich musste für die Ausflugsfahrten Fahrgeld genommen werden. Es brauchte Ideen, um die Schiffe in Fahrt zu halten: neue Touren, Ausflugsfahrten nach Büsum, an die Oste, zum Nord-Ostsee-Kanal, nach Sylt und Amrum. Und, ganz neu: Fahrten zu den Seehundbänken.
Auch Gerhard konnte es
nicht mehr richten
Im November 1998 hoffte Urgestein Cassen Eils noch auf Hilfe von "Gerhard", also Bundeskanzler Gerhard Schröder, aber auch der konnte nichts mehr ausrichten: "Die allerletzten Butterfahrten" kündigten die CN am 16. September 2000 an. Am 11. Oktober stach die "Seute Deern" das letzte Mal zu einer Fahrt rund um Helgoland in See. Mit der "Seuten Deern", "Fair Lady" und "Funny Girl" hatte Cassen Eils zuvor auch intensiv das Butterfahrtgeschäft in der Ostsee betrieben, zum Beispiel mit Fahrten zwischen Kiel und Dänemark.






Google News
Wenn Sie etwas googeln, bekommen Sie neben den normalen Ergebnissen auch eine Box mit aktuellen News angezeigt. Wenn Sie CNV-Medien als bevorzugte Quelle hinterlegen, tauchen unsere Inhalte dort häufiger für Sie auf. Hier CNV-Medien als bevorzugte Quelle hinzufügen.
CNV-Newsletter
Wissen, was im Cuxland los ist: Alle wichtigen Nachrichten aus der Stadt und dem Landkreis Cuxhaven direkt in Ihr Postfach. Hier für den CNV-Newsletter anmelden.