Gemeinsamer Briefkasten, geteiltes Leben: Die Wohngemeinschaft mit Ayoub El Hanoone, Jutta Güntchen und Hassan Bengina vor ihrem Zuhause in Cuxhaven-Altenwalde. Foto: Potschka
Gemeinsamer Briefkasten, geteiltes Leben: Die Wohngemeinschaft mit Ayoub El Hanoone, Jutta Güntchen und Hassan Bengina vor ihrem Zuhause in Cuxhaven-Altenwalde. Foto: Potschka
Wohnungsbrand an der Hauptstraße

Feuer in Cuxhaven machte aus Fremden eine Familie: Zuhause in Altenwalde gefunden

von Jens Potschka | 05.12.2025

Als ein Feuer zwei junge Männer aus Marokko obdachlos machte, fanden sie in Jutta Güntchens leer stehendem Obergeschoss in Cuxhaven ein Zuhause. Was als Notlösung begann, entwickelte sich zu einer Gemeinschaft mit unerwarteten Wendungen.

Es hat sich eine ungewöhnliche Gemeinschaft gefunden in Jutta Güntchens Zweifamilienhaus in Cuxhaven-Altenwalde. Zwei junge Männer aus Marokko, die ihr Zuhause durch Flammen verloren. Eine Frau, die Platz hatte und nicht wegsehen konnte. Genau ein Jahr ist das her. Ein Jahr, in dem aus Fremden eine Art Familie geworden ist.

Die Nacht, die alles veränderte, begann gegen halb zwölf. Ayoub El Hanoone lag im Schlaf, als gegenüber in der Küche das Feuer ausbrach. Er versuchte zu löschen. Vergeblich. Die Flammen erfassten das Obergeschoss des Wohnhauses an der Hauptstraße.

Wenn die Angst größer ist als das Feuer

Hassan Bengina, sein Mitbewohner, war zu dieser Zeit bei seiner Freundin. Als ihn Ayub anrief, glaubte er zunächst nicht, was er hörte. "Unser Zuhause brennt." Vier Worte, die eine Welt zum Einsturz brachten.

In kurzen Hosen stand Ayub auf der Straße, mitten im Dezember. Die Kälte spürte er kaum. Die Angst war größer. Seine Unterlagen - Abiturzeugnis, Reisepass, Aufenthaltstitel, Bankkarte - alles lag in der brennenden Wohnung. "Als Ausländer bist du hier nichts, wenn du keine Papiere hast", sagt er heute.

Hassan quälten andere Sorgen. In sieben Tagen sollte er über die Weihnachtstage nach Marokko fliegen. Sein Reisepass lag irgendwo zwischen Ruß und Löschwasser. Erst einen Tag vor dem Abflug gab die Polizei die Wohnung frei. Seine Papiere hatte das Feuer verschont.

Im Sozialkaufhaus "Offenes Herz Eisenwalde" erfuhr Jutta Güntchen von der Katastrophe. "Ein Haus an der Hauptstraße ist abgebrannt", sagte Sonya Grahmann, die Frau des Ortsbürgermeisters. Jutta Jündchens Gedanken rasten. Abgebrannt. Im Winter. Menschen, die nur das tragen, was sie am Leib haben. "Das geht nicht", dachte sie.

Ihr Haus stand leer im Obergeschoss. Nach dem Tod ihrer Eltern hatte sie dort Ferienwohnungen eingerichtet. Zwei Zimmer, komplett möbliert. Nun passte alles zusammen. Die beiden jungen Männer brauchten ein Zuhause. Sie hatte eines anzubieten.

"Ich habe nur überlegt, wie würde ich empfinden, wenn mir das passieren würde", sagt Jutta Güntchen. Die erste Begegnung verlief vorsichtig. Fremde, die einander nicht kannten. Die sich beschnupperten. Die überlegen mussten, ob das funktionieren könnte.

Ein Feuerwehrmann steht am 7. Dezember 2024 vor dem ausgebrannten Wohnhaus in Cuxhaven-Altenwalde. Nach dem Brand waren Hassan Bengina und Ayoub El Hanoone plötzlich obdachlos. Foto: Kuczorra

Zwischen Prüfungsstress und Existenzangst

Es funktionierte. Hassan und Ayoub zogen ein. Beide im zweiten Ausbildungsjahr zur Pflegefachkraft in der Helios-Klinik. Beide mit der Zwischenprüfung vor sich - nur wenige Wochen nach dem Brand. "Man verliert die Konzentration", sagt Hassan. Wo wohne ich? Was ziehe ich an? Wie geht es weiter?

Jutta Güntchen gab ihnen Sicherheit. "Ihr braucht euch keine Sorgen machen", sagte sie. "Ihr könnt hier so lange wohnen bleiben, wie es geht." Kein Zeitdruck. Nur die Gewissheit: Hier ist Platz. Hier ist Ruhe. Beide haben die Prüfung bestanden. Mit guten Noten.

Von Behörden kam keine Hilfe. Der Mitbewohner, der das Feuer verursacht hatte, war nicht haftpflichtversichert. Die beiden Auszubildenden verdienten knapp über der Grenze für staatliche Unterstützung. "Da war keiner, der gesagt hat, da müssen wir irgendwie was machen", erinnert sich Jutta Güntchen.

Wenn Nachbarn zu Helfern werden

Die Nachbarschaft half. Eine Altenwalderin spendete Pullover und Handtücher. Eine andere Frau brachte Lederhandschuhe und Schals. Auch ein Fernseher wurde zur Verfügung gestellt. Allesamt kleine Gesten, die große Wirkung hatten.

Das Zusammenleben musste sich erst entwickeln. Jutta Güntchen unten im Haus, die beiden jungen Männer oben in zwei getrennten Zimmern. Die Küche als gemeinsamer Raum. "Wir quatschen viel", sagt Hassan. Das hilft ihnen, ihr Deutsch zu verbessern.

Hassan und Ayoub helfen ihrer Vermieterin bei PC-Problemen. "Sie haben mir auch schon einmal im Garten geholfen, als der Bambus zum Dschungelcamp zu werden drohte", lacht Jutta Güntchen. Sie backt im Gegenzug Kuchen oder kocht manchmal für das Trio. Kleine Gesten des Alltags, die zeigen: Hier achtet man aufeinander.

Hassan Bengina und Ayoub El Hanoone helfen ihrer Vermieterin Jutta Güntchen im Sommer öfter einmal im Garten. Sie revanchiert sich mit einem Kuchen. Foto: Potschka

"Wir fühlen uns hier wie wirklich eine Family", sagt Ayoub. "Fast wie eine Familie", korrigiert Jutta Güntchen sanft. Sie ist nicht ihre Mutter, will es auch nicht sein. Aber sie sind füreinander da. Auf Augenhöhe, mit Respekt.

Die beiden Männer wollen nach der Ausbildung in Deutschland bleiben. Hassan hat bereits mehrere Jobangebote. Ayoub hat sich noch nicht festgelegt. Ambulante Pflege oder Pflegeheim - dort sieht er vielleicht seine Zukunft. Außerdem hat er in Marokko ein Diplom in Biologie erworben, das in Deutschland anerkannt ist.

Vorurteile kennen beide. Sie wissen, dass manche Deutsche denken: Ausländer arbeiten nicht, kassieren nur Bürgergeld. Jutta Güntchen sieht das anders. "Wenn verschiedene Menschen zusammenkommen, verstärkt sich das positiv", sagt sie.

Hassan und Ayoub sprechen Arabisch, Französisch, Englisch und inzwischen recht gut Deutsch. "Das ist doch toll", findet Jutta Güntchen. "Da dürfen wir alle mal die Scheuklappen öffnen."

Aus Fremden wird Familie

An Heiligabend lädt die Jutta Güntchen Menschen ein, die sonst allein wären. Letztes Jahr saß Hassan mit am Tisch. Ein Jahr zuvor hatte sie selbst noch einsam in ihrem Haus die Feiertage verbracht. Jetzt bringt jeder etwas mit. Dann sitzen sie zusammen und haben eine gute Zeit miteinander. Ohne allein zu sein.

Das Leben geht weiter, jeder meistert es auf seine Weise. Aber sie wissen: Sie haben ein Zuhause. Ein ungewöhnliches, zusammengewürfeltes, funktionierendes Zuhause.

"Wir sind hier zufrieden", sagt Hassan. "Wir kommen miteinander klar. Was braucht man noch?" Und Jutta Güntchen? Die lächelt und sagt: "Das ist eine Symbiose. Der eine hilft dem anderen. Das ist einfach schön."

Ein Jahr nach dem Brand haben drei Menschen gefunden, was sie brauchten. Hassan und Ayoub ein Zuhause. Jutta Güntchen eine Aufgabe. Alle drei ein bisschen Familie. In einer Zeit, in der viele über Kälte und Spaltung klagen, ist das mehr wert als jedes große Wort.

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Jens Potschka

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Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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