Geplanter Umbau der Alten Liebe in Cuxhaven: Technikhistoriker übt scharfe Kritik
Der geplante Umbau der Alten Liebe stößt auf heftige Kritik - auch von Experten. Der gebürtige Cuxhavener Prof. Dr. Rolf-Jürgen Gleitsmann warnt als Technikhistoriker vor dem Verlust eines bedeutenden Kulturdenkmals.
"Höchst verwundert", zeigt sich Prof. Dr. Rolf-Jürgen Gleitsmann auf Nachfrage von cnv-medien.de über die NPorts-Pläne, die Alte Liebe in Cuxhaven umzugestalten: "Auf den ersten Blick stellt sich die Frage: Kann das wirklich sein, oder handelt es sich um einen verfrühten, missglückten Aprilscherz?" Der Technikhistoriker hat an der Universität Karlsruhe gelehrt, stammt gebürtig aus Cuxhaven und ist Eigentümer des ehemaligen Lotsenhauses in Nachbarschaft der Alten Liebe.
Professor Gleismann erinnert an vergleichbare Beispiele der jüngeren Vergangenheit: "Wenn man an den 2023 demontierten Kampnagelkran denkt, dessen Wiederherstellung gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz wohl doch eher in den Sternen steht. Auch an die absurde Idee, den alten Fischereihafen zuzuschütten, um Sanierungskosten zu sparen, oder Eintritt für den Besuch der Alten Liebe zu erheben, sei kurz erinnert. Immer wieder scheint ein von rein ökonomischen Interessen geprägter Tunnelblick, der der Komplexität der Thematik absolut nicht gerecht wird, die Handlungsrichtung zu determinieren, koste es ansonsten, was wolle."

"Bei der Alten Liebe handelt es sich um ein außergewöhnliches technisches Kulturdenkmal"
Es gehe darum, sachdienliche Aufklärung einzufordern und öffentlich ergebnisoffen zur Diskussion zu stellen, findet er, und mutmaßt, dass es NPorts nur darum gehe, Geld zu sparen und die eigene Bilanz zusätzlich aufzupolieren.
Als Professor für Technikgeschichte, ehemaliger Oberkonservator eines Museums und selbst Eigentümer eines denkmalgeschützten und privat erhaltenen Hafenbauwerks merkt er ausdrücklich an: "Es ist völlig unstrittig, dass es sich bei der Alten Liebe um ein außergewöhnliches technisches Kulturdenkmal handelt, welches in seiner Substanz nicht verstümmelt werden darf. Priorität besitzt das Erhalten! Dieses Bauwerk weist von seiner Anmutung her einen überregionalen Erkennungswert mit hoher touristischer Attraktivität auf und ist von daher mit Cuxhaven untrennbar verbunden. Man sollte dies nicht ohne Not infrage stellen."

Die Alte Liebe sei in diesem Hafenbereich und im Bereich der Grimmershörnbucht bis hin zur Kugelbake ein zentrales, prägendes Bauwerk. Der Technikhistoriker schreibt in seiner Mail an die CNV-Medien-Redaktion: "Den Bausünden der Vergangenheit, sowohl hinter dem Seedeich als auch der Hochbebauung des ehemaligen Niederdonnerareals, sollte nun nicht noch eine weitere hinzugefügt werden. Dass die Alte Liebe Geschichte hat, wird niemand ernsthaft bestreiten." Hierzu genüge schon ein kurzer Blick in die reich bebilderten Publikationen Cuxhavener Autoren wie Karl B. Kühne oder Herrmann Borrmann. "Und nicht nur das. Das Oberdeck der Alten Liebe hat auch eine funktionale Bedeutung. Es ist eine gern genutzte Aussichtsplattform großer Attraktivität. Zudem würde eine Zerstörung der jetzigen Plattform praktisch zur Folge haben, dass ein geschütztes Verweilen von Besuchern bei schlechten Wetterlagen nicht mehr möglich wäre." Und sollte in Cuxhaven "tatsächlich einmal heftig die Sonne scheinen, so wäre ein geruhsames, beschattetes Beobachten des Hafentreibens beziehungsweise der Schifffahrt auf der Elbe von den Bänken unter dem Oberdeck aus auch nicht mehr möglich. Der eigentliche Eventcharakter der Alten Liebe wäre so maßgeblich beeinträchtigt. Soll dies wirklich alles in Kauf genommen werden, nur um den unbedachten Abrissfantasien NPorts zu willfahren?"

Und Prof. Gleitsmann schlägt abschließend vor: "Vielleicht sollte sich NPorts der Verantwortung, die es für Cuxhaven besitzt, bewusst werden, und neben dem Ausbau profitabler neuer Liegeplätze nicht nur ein offenes Herz, sondern auch eine offene Hand für die Alte Liebe unter Beweis stellen. Auch die Cuxhavener Politik sollte sich dem nicht verschließen. Weshalb sollte man denn mit der einen Hand das hochgepriesene Deichbandprojekt auf den Weg bringen, wenn man es mit der anderen Hand durch den Teilabriss der Alten Liebe schlichtweg wieder konterkariert? Um dem entgegenzutreten, ist auch in einer ansonsten weltoffenen Hafenstadt, Lokalpatriotismus gefordert. Die Eigentümer technischer Kulturdenkmäler müssen sich ihrer Verantwortung stellen und dürfen sich nicht einfach aus dieser davonschleichen."