20 Jahre "Narben bleiben": Es war auch eine Veranstaltungsreihe im Gedenken an die Geschwister Scholl (Plakette im Vordergrund), die für ihren Mut mit dem Leben bezahlten. Foto: Reese-Winne
20 Jahre "Narben bleiben": Es war auch eine Veranstaltungsreihe im Gedenken an die Geschwister Scholl (Plakette im Vordergrund), die für ihren Mut mit dem Leben bezahlten. Foto: Reese-Winne
20 Jahre "Narben bleiben"

Erinnerung und Verantwortung an der Geschwister-Scholl-Schule Altenwalde

von Maren Reese-Winne | 23.11.2025

Hass, Verfolgung, Krieg: Das ist nicht etwas Abstraktes, das lange her ist oder sich allenfalls im Fernsehen abspielt. In der Geschwister-Scholl-Schule in Cuxhaven-Altenwalde ist das Gedenken daran allgegenwärtig - im Alltag und bei Veranstaltungen.

Elf Namen, elf Lichter, elf Opfer von Krieg und Verfolgung, ein Abschied und ein flammendes Statement des Schulleiters: Es war ein besonderer Vormittag in der Altenwalder Geschwister-Scholl-Schule: Die 20. Veranstaltung "Narben bleiben - die Erinnerung lebt weiter"  - und gleichzeitig die letzte ihrer Art.

Die Kooperation mit dem "Verein für Gedenkkultur, Narben bleiben - die Erinnerung lebt weiter" und seinem Vorsitzenden Manfred Mittelstedt startete am 8. Mai 2005. Schülerinnen und Schüler trugen Lebensgeschichten von NS-Opfern in der Aula vor. Am Ende leuchtete neben einem Licht für jede gewürdigte Person auch eine große Kerze als Appell für den Frieden und als Erinnerung an alle Opfer von Hass, Gewalt und Verfolgung.

So war es auch am vergangenen Freitag, an dem Schulleiter Arne Ohland-Schumacher im Beisein seiner Vorgängerin Angela Armbrust (in deren Regie die Tradition begonnen hat) und des Dezernenten Lars Mittelstädt vom Landesamt für Schule und Bildung zunächst Dankesworte an Manfred Mittelstedt und alle Helferinnen und Helfer aus Verein und Schule richtete und den Jugendlichen klarmachte: "Die Hauptpersonen hier seid Ihr. Ihr lest für Euch."

"Lasst es nie wieder zu"

"Lasst es nie wieder zu", appellierte Manfred Mittelstedt und legte allen Anwesenden ans Herz, wenigstens einmal eine Gedenkstätte wie Auschwitz oder Sandbostel aufzusuchen: "Ich sage Ihnen, das wirkt im Herzen."

Der für das Projekt besonders engagierte Lehrer Dr. Gerd Behrens, Schulleiter Arne Ohland-Schumacher und Initiator Manfred Mittelstedt (v.l.) beim Auftakt. Foto: Reese-Winne

Erstmals nahm er bei der Gedenkfeier Bezug auf eine Person aus seinem privaten Umfeld, nämlich seinen Großvater Wilhelm Strohsahl. Der als Bergmann nach Lothringen gezogene Sahlenburger wurde im Juli 1917 als Landsturmmann eingezogen. Bei Verdun schwer verwundet, starb er wenige Tage vor Ende des Ersten Weltkriegs. Aus dem an Frankreich zurückgefallenen Elsass-Lothringen zog Witwe Anna Strohsahl mit  ihren vier Kindern, darunter Manfred Mittelstedts Mutter, auf den Hof der Familie in Sahlenburg zurück.

Es gab viele Gründe, um in Ungnade zu fallen

Verfolgt wegen ihres Glaubens, für ihre Mitgliedschaft in Freimaurerlogen, für den Mut, Nein zu sagen oder einfach nur wegen eines anderen Aussehens: Immer wieder machten Manfred Mittelstedt und Arne Ohland-Schuhmacher nach den Beiträgen deutlich, was ausreichte, um in das Visier des NS-Regimes zu gelangen und dass all das auch in Cuxhaven geschah.

Erinnerung an den einst in Cuxhaven lebenden Fleischereibesitzer Bernhard Rosenthal. Foto: Reese-Winne

Der lange hier wohnende Jude Bernhard Rosenthal, der einst die angesehenste Fleischerei Cuxhavens führte, wurde aus Hamburg am 15. Juli 1942 in einem großen Sammeltransport nach Theresienstadt deportiert, wo er wenige Monate später starb. Werftchef Franz Mützelfeldt (Jahrgang 1905) fiel bei den Machthabern nicht nur als Angehöriger der Freimaurer in Ungnade, sondern auch wegen seiner kritischen Aussagen zum Regime, was ihn zeitweilig ins KZ brachte. 

Mundtot gemacht oder gleich ermordet

Die nächsten Lichter wurden für die Auschwitz-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch (Cellistin des bekannten Mädchenorchesters), den 1944 im KZ Fuhlsbüttel ums Leben gekommenen Kaufmann und Springreiter Eduard Pulvermann, den 1942 in Theresienstadt ermordeten Freimaurer Heinrich Stahl und den wegen der Verweigerung des Kriegsdienstes umgebrachten bekennenden Zeugen Jehovas Jonathan Stark entzündet.

Journalistin Ruth Andreas-Friedrich kämpfte in der Berliner Widerstandsgruppe "Onkel Emil" im Untergrund und bis zum Schluss unentdeckt gegen die Nazis. Sie überlebte, ebenso wie Pfarrer Hermann Ludwig Maass, Aktivist für die friedliche Verständigung der Völker, der als erster Deutscher nach dem Krieg nach Israel eingeladen und als "Gerechter unter den Völkern" ausgezeichnet wurde. Das Schicksal des später in die USA ausgewanderten Hans-Jürgen Massaquoi - aufgewachsen und diskriminiert als dunkelhäutiges Kind im durch die Nazis beherrschten Hamburg - wurde später durch seine Biografie "Neger, Neger, Schornsteinfeger" bekannt. Als Letztes erinnerte Manfred Mittelstedt an den wegen "nicht-nationalsozialistischen Verhaltens" vor ein Sondergericht gestellten und so mundtot gemachten Seeoffizier Felix Graf von Luckner.

Entzünden der letzten großen Kerze: Eine Erinnerung an alle Opfer von Krieg und Verfolgung weltweit. Foto: Reese-Winne

"Hat die Menschheit etwas gelernt?"

Gemeinsam entzündeten alle Mitwirkenden die zwölfte Kerze als Erinnerung an die Todesopfer aller Völker, begleitet von der kritischen Frage: "Hat die Menschheit, haben die Mächtigen etwas gelernt?"

Arne Ohland-Schumacher appellierte mit eindringlichen Worten an die Jugendlichen, ihrer Verantwortung für den Schutz der Demokratie und gegen Hass und Diskriminierung nachzukommen. Auch Schülerinnen und Schüler seiner Schule seien dem Krieg nur durch Flucht entkommen. "Es geht einem sehr nahe, wenn man hört, dass hier Kinder sind, deren Geschwister in Schlauchbooten ums Leben gekommen sind."

Berührende Geste: Es hilft gegen die Nervosität, wenn der Schulleiter Sicherheit gibt und das Mikrofon hält. Foto: Reese-Winne

Frage eines Wehrdienstes oder Kriegseinsatzes wird konkret

Auch Jugendliche seiner Schule müssten sich wahrscheinlich bald mit der Frage des Wehrdienstes auseinandersetzen - "hoffentlich nur zur Abschreckung." Doch die Abwehr von Kriegen beginne mit der Kompetenz, sich zu informieren und Nein zu sagen. "Ihr wisst alle, wer die Geschwister Scholl waren. Wehret den Anfängen und setzt Euch für Demokratie ein. Geschwister-Scholl-Schüler sind etwas Besonderes. Sie wissen, wie man sich zu benehmen hat."

Die Gedenkarbeit geht weiter - in der Schule ebenso wie im Verein. In etwa zwei Wochen soll die Broschüre zur aktuellen Veranstaltung veröffentlicht werden.

"Wer lesen kann, kann sich informieren" - und anderen davon berichten, so auch am Freitag in der Aula der Atenwalder Realschule. Foto: Reese-Winne

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Maren Reese-Winne

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Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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