Als im Dezember 2015 Leben in Altenwaldes Notunterkunft einzog: Blick 10 Jahre zurück
In der Notunterkunft (NUK) in Cuxhaven-Altenwalde trafen ab 11. Dezember 2015 binnen kürzester Zeit Hunderte Flüchtlinge ein. Trotz Herausforderungen entstand ein Ort des friedlichen Miteinanders und der Solidarität. Ein Blick zurück. (mit Fotos)
Nach langem Hin und Her, ob die Kaserne in Cuxhaven-Altenwalde überhaupt als Flüchtlingsunterkunft geeignet sein könnte, trafen am 11. Dezember 2015 die ersten 200 Schutzsuchenden in der Notunterkunft ein. Die aktive Zeit war kurz, aber intensiv.
Es war ein Wechselbad der Gefühle für die Bewohnerinnen und Bewohner Altenwaldes und der ganzen Stadt in der zweiten Hälfte des Jahres 2015. Die Schlagzeilen in unserer Zeitung verkündeten täglich eine neue Lage um die Frage einer möglichen Flüchtlingsunterkunft in Altenwalde. "Für Flüchtlinge geeignet?" - "Land hat Plan noch nicht begraben" - "Bis zu 800 Flüchtlinge in der Kaserne" - "Vorerst von der Liste gestrichen" und dann doch "Es geht nicht mehr um das ,Ob', sondern nur noch um das ,Wann' - so und ähnlich titelten wir zwischen Mai und September.
Der damalige niedersächsische Innenminister Boris Pistorius suchte dringend Unterkünfte für Menschen, die aus Syrien, dem Iran, Irak, Afghanistan oder anderen Ländern nach Deutschland strömten. Dabei war ihm die erst im November 2014 von der Bundeswehr aufgegebene Hinrich-Wilhelm-Kopf-Kaserne positiv ins Auge gefallen. Am 13. Mai 2015 trat das Ministerium erstmals mit seinem Anliegen an die Stadt Cuxhaven heran. (Scheinbar) einziges Hindernis: die aktive Standortschießanlage gleich nebenan im Wald. Eine von ihm in die Diskussion geworfene Verlegung zu den Marinefliegern nach Nordholz lehnte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen ab.

Zu dem Zeitpunkt ging es für das Land noch um eine Erstaufnahmeeinrichtung, eine Institution, die weit aufwendiger ausgebaut worden wäre als die tatsächliche Notunterkunft. Die ständig wechselnden Vorzeichen stellten nicht nur die in Teilen verunsicherte Bevölkerung vor Hindernisse, sondern vor allem die sozialen Institutionen, Katastrophenschutz-Organisationen und Behörden, die hinter den Kulissen bereits planten.
"Nur ein Thema und keine Antworten"
"Seit Wochen gibt es nur noch ein Thema", so beschrieb Altenwaldes Ortsbürgermeister Ingo Grahmann im Juni in einer Sondersitzung des Ortsrats die Situation. "Wir werden angesprochen und haben keine Antworten."
Die kamen dann im September umso schlagartiger: 1000 Geflüchtete strömten täglich nach Niedersachsen. Als Anfang September das Sommercamp der Stadt Hannover in Müggendorf mit Flüchtlingen belegt werden musste, war klar, dass es ohne Altenwalde nicht gehen würde. Und zwar schnell. Die erwogene Vorlaufzeit von bis zu zwei Jahren spielte keine Rolle mehr und die Standortschießanlage schon gar nicht.

Wohl aber der miserable Zustand der Versorgungsleitungen, denn die verlassenen Gebäude moderten seit dem rigorosen Kappen der Leitungen vor sich hin und waren zudem förmlich ausgeräubert worden.
Das durch das Land mit der Trägerschaft beauftragte DRK Cuxhaven-Hadeln baute eilends ein hauptamtliches Team auf. DRK-Projektleiter Bernward Kaltegärtner rief die Katastrophenschutzorganisationen zusammen, beschaffte Betten und plante die Belegung der Räume. Versorgung, Sanitätsdienst, Sprachkurse, Hygieneartikel, Kleidung, Versorgungs- und Kommunikationsleitungen, Sicherheitsdienst: Die Liste der Aufgaben schien schier unendlich, schließlich musste eine richtige kleine Stadt aufgebaut werden.
Eine Wendung folgte auf die andere
Mitte Oktober unternahm das Land einen erneuten Schlenker: Plötzlich sollte die Notunterkunft in völlig anderen Gebäuden auf dem Kasernengelände aufgebaut werden. Alle bisherigen Planungen waren hinfällig. So kam es schon fast einem Wunder gleich, dass alles bereit war, als am 11. Dezember, vor genau zehn Jahren, die ersten Busse anrollten.


Für einen Moment stockte den Umstehenden der Atem, als hinter den Scheiben viele Kindergesichter auftauchten. Dann startete das, was lange vorbereitet worden war: Hilfe beim Aussteigen, Wasser anreichen, zum Sanitätszelt. Nach der Anmeldung ging es weiter zu den Quartieren, in die Kleiderkammer und die Turnhalle mit der Kantine.


Die 201 Ankömmlinge hatten bei eisigem Winterwetter nur wenige Gepäckstücke dabei und verfolgten still das Geschehen. Dass sich das in den darauffolgenden Tagen und Wochen änderte, lag unter anderem an den Kindern, von denen viele bald darauf zum ersten Mal in ihrem Leben Schnee sahen.
Die Erinnerung an das Alltagsleben in der Notunterkunft (von allen nur Nuk genannt) ist etwas, das geblieben ist von dieser intensiven Zeit. Es war ein Klima, in dem trotz aller Regeln ein friedliches, oft freundschaftliches Zusammenleben gelang. Bewohner zeigten Talente und wurden einbezogen, Sicherheitskräfte und Polizei traten nicht restriktiv, sondern menschlich auf und bürgerschaftliches Engagement zeigte seine ganze Kraft. Der Weihnachtsmann verteilte Kuscheltiere, an Silvester wurden Berliner gegessen und gegrüßt wurde ortstypisch mit "Moin".

Zu erreichen war das alles nur mit gegenseitiger Unterstützung und einer Transparenz, die ihresgleichen suchte. Die Bevölkerung wurde durch Bürgerversammlungen, oft in der Kreuzkirche, oder in öffentlichen Sitzungen auf dem Laufenden gehalten.

Bei den ersten Abfahrten flossen Tränen
Als im März 2016 die ersten Abfahrten anstanden, flossen Tränen. Dennoch wurden die Kapazität zu dem Zeitpunkt noch weiter auf 1000 Plätze aufgestockt. Doch nachdem das Land kurz zuvor noch die Notwendigkeit des Standorts bekundet hatte, kam im Mai 2016 plötzlich die Botschaft vom nahenden Ende. Der Vertrag mit dem DRK sollte zum 10. Dezember 2016, genau ein Jahr nach der Aufnahme der ersten Geflüchteten, auslaufen. Nach einem erreichten Höchststand von knapp über 400 Bewohnern bewohnten zu dem Zeitpunkt nur noch rund 80 Personen die Nuk.
War nun alles umsonst gewesen? Mitnichten: "Das war in meinem Berufsleben das Lehrreichste, das ich mitmachen durfte", betonte der heutige DRK-Geschäftsführer Volker Kamps. "Was die Bevölkerung gezeigt hat, sucht seinesgleichen", stellte Uwe Santjer, damals Landtagsabgeordneter, fest. Insgesamt umfasste die Liste der Ehrenamtlichen in der Nuk 680 Namen.


Und es war noch nicht vorbei: Schließlich hatte sich gerade erst im November die Flüchtlingsinitiative "Offenes Herz Altenwalde" gegründet. Wenige Tage nach einer großen Abschiedsparty im August 2016 kamen die ehrenamtlichen Nuk-Helferinnen und -Helfer im evangelischen Gemeindehaus zusammen, um die Zukunft zu planen: Sprachunterricht, Kinderbetreuung, Begleitung bei der Erledigung von Formalitäten sollten nun in den Stadtteilen fortgesetzt werden. Was daraus wurde, ist gerade in unserer großen Advents-Spendenaktion zu lesen.
Nachnutzung hat es nie mehr gegeben - bis jetzt
Der von Jugendlichen des Lichtenberg-Gymnasiums noch in der Nuk aufgebaute Skatepark sollte später ein zweites Leben als Teil der heutigen Anlage am Bahnhof finden. 1500 Kartons voller fein säuberlich sortierter Kleiderspenden gab das DRK am Ende an soziale Einrichtungen in Stadt und Kreis Cuxhaven ab.
Nur ein Wunsch hat sich nicht erfüllt: Dass die Anlage nie wieder so verfällt, wie es nach dem Abgang der Bundeswehr geschehen war. Die Stadt konnte noch den Sportplatz am Rande des Geländes kaufen, danach folgte für die Kaserne ab 2017 ein neuerlicher Dornröschenschlaf, bis sie Anfang 2022 wieder als Notunterkunft - nun für Ukraine-Flüchtlinge - ins Auge gefasst wurde. Diese Planung wurde inzwischen durch die im Raum stehende mögliche Aktivierung für die Bundeswehr eingeholt.









